Der Vietnamkrieg war nicht einer der vielen Kolonialkriege. F¸r die Jugend, die 1968 in der ganzen Welt gegen das Establishment rebellierte, war der Vietnamkrieg viel mehr. Angesichts dieses Krieges, wurden zum ersten mal die Grenzen des demokratischen Westens bewu_t. Der z‰he Widerstand und die Opfer dieses entfernten Bauernvolkes zeigten der westlichen Jugend, da_ die demokratischen USA nicht demokratisch genug waren, um jemandem in einer entfernten Provinz Asiens zu erlauben, seine eigenen Wege zu gehen. Der Vietnamkrieg wirkte ¸berall als Beispiel, weil er bewies, da_ es der grˆ_ten milit‰rischen, technischen und finanziellen Macht der Welt nicht gelang, ein Volk zu besiegen, da_ f¸r seine Freiheit und Unabh‰ngigkeit k‰mpfte. Nach dem Sieg von 1975 entt‰uschten die H‰rte der vietnamesischen Politik und die Machtkonflikte in der Region die Erwartungen derer, die sich f¸r ein freies Vietnam eingesetzt hatten. Dennoch bleibt der Vietnamkrieg das einzigartige Beispiel eines Krieges, der nicht nur im Dschungel und auf den Reisfeldern ausgetragen wurde, sondern auch auf den Stra_en und Pl‰tzen und an den Universit‰ten der ganzen Welt. Dort spielte sich die wahre Niederlage der Vereinigten Staaten ab.

In Vietnam beginnt das Jahr 1968 mit dem Ereignis, das unter dem Namen Tet-Offensive in die Geschichte eingehen sollte. F¸r den Tet, den Anfang des Mondjahres, der Ende Januar gefeiert wird, hatte Van Thieu, der Pr‰sident S¸dvietnams, eine achtundvierzigst¸ndige Kampfpause angek¸ndigt. Am 27. Januar begann der einwˆchige Waffenstillstand, den die Nationale Befreiungsfront angek¸ndigt hatte. Aber am 30. Januar startete sie mit dem nordvietnamesischen Heer die gro_e Tet-Offensive: die Guerillak‰mpfer tauchten aus dem Dschungel auf und griffen gleichzeitig 140 kleinere und grˆ_ere Orte sowie die Hauptquartiere des Saigoner Heeres, acht von elf Divisionskommandanturen, drei_ig Flugh‰fen und vierzehn Luftst¸tzpunkte an. Es handelt sich um den massivsten Angriff in der Geschichte des Vietnamkrieges.

In Vietnam hatten die Amerikaner den franzˆsischen Kolonialismus ersetzt, der 1954 in Dien Bien Phu vom Viet Minh-Heer unter der Leitung des Generals Giap besiegt worden war. Der Viet Minh war 1941 auf Initiative der Kommunistischen Partei Indochinas gegr¸ndet worden, deren Vorsitzender Ho Tschi Minh war. Gegen die in S¸dvietnam mit amerikanischer Unterst¸tzung eingerichtete Marionettenregierung Diems bildete sich im Dezember 1960 die Nationale Befreiungsfront S¸dvietnams. Bereits ein Jahr sp‰ter beherrschten die Guerrillak‰mpfer einen Gro_teil der l‰ndlichen Gebiete, w‰hrend sich in den St‰dten der buddhistische Protest entwickelte: 1963 verbrannte sich zum ersten mal ein Mˆnch in Saigon; auf das Erstarken der Opposition und der Guerilla antwortete erst das Regime Diems und dann das von Van Thieu mit einer erbarmungslosen Unterdr¸ckung.

Gleichzeitig nahm der Einsatz der USA zu Gunsten des s¸dvietnamesischen Regimes st‰ndig zu. W‰hrend der Amtszeit des Pr‰sidenten Kennedy (1960-1963) wurde der Plan des Sonderkrieges durch eine Form massiveren Eingreifens ersetzt: amerikanische Milit‰rberater leiteten das s¸dvietnamesische Heer bei seinen Aktivit‰ten, man begann mit dem Einsatz von Napalmbomben gegen die Bauerndˆrfer und dem massive Gebrauch von Unkrautbek‰mpfungsmitteln und Entlaubungsmitteln, die auf lange Dauer die Ernten und die Gesundheit der S¸dvietnamesen gef‰hrden sollten.

1964 leitete Pr‰sident Johnson ein Eskalation ein mit dem Einsatz der Gro_bomber B52 gegen das Staatsgebiet Nordvietnams. Ende 1965 standen bereits 175.000 US-Soldaten im Land. Aber in den USA und in der ganzen Welt verst‰rkte sich die Opposition gegen den Krieg, und eine Gruppe bedeutender Intellektueller verschiedener Nationen (darunter Lelio Basso, G¸nther Anders, Jean-Paul Sartre und Bertrand Russell) gr¸nden das sp‰ter Russell-Tribunal genannte Gremium, um die US-Verbrechen in Vietnam zu verurteilen.

 

1967 gab Che Guevara die Losung ÑSchafft zwei, drei, viele Vietnamsì heraus, w‰hrend in den Vereinigten Staaten die gro_en Antikriegsdemonstrationen (mit dem Slogan ÑStop the bombingì, Schlu_ mit den Bombardierungen Nordvietnams) und die Proteste der Soldaten und der Wehrpflichtigen begannen.

Die Tet-Offensive war der Versuch eines Generalangriffs von sehr hohem Symbolgehalt (ein Kommando vermochte sogar, in die US-Botschaft in Saigon einzudringen), aus milit‰rischer Sicht war sie aber kein gro_er Erfolg. Es gelang nicht, dauerhaft wichtige Objektive zu besetzen; au_erdem fand die Offensive keinen gro_en Widerhall in den St‰dten, wo die Aufst‰nde ausblieben, auf die die Partisanen gehofft hatten. Den Amerikanern gelang es, fast alle Stellungen zur¸ckzuerobern, die sie im ersten Moment verloren hatten, darunter HuË, die alte Hauptstadt Vietnams. Die Tet-Offensie war aber ein gro_er politischer Erfolg und stellte im Vietnamkrieg einen regelrechten Wendepunkt dar: sie zeigte der amerikanischen und der Weltˆffentlichkeit, da_ ein milit‰rischer Sieg der Vereinigten Staaten nicht kurzfristig zu erreichen war, und vielleicht ¸berhaupt nicht mˆglich war.

Im M‰rz wurde noch erbittert gek‰mpft: die US-Truppen starteten eine Gegenoffensive im Mekong-Delta und begannen die sogenannte Reisfeldschlacht. Unterdessen dauerte die mit dem Angriff des 21. Januars begonnene Belagerung der amerikanischen Basis Khe Shan durch die Befreiungskr‰fte an. Die schweren US-Bombardierungen Hanois, der Hauptstadt Nordvietnams, gingen weiter; am 7. M‰rz gab es in Hanoi Hunderte von Zivilopfern.

Der 16. M‰rz war - auch wenn die Nachricht sich nicht unmittelbar verbreitete - der Tag der moralischen Niederlage der USA: unter Leitung von Oberst Calley besetzten die ÑGr¸nm¸tzenì das Dorf Mylai und ermordeten, da sie keinen Vietcong finden, mehr als hundert Frauen, Kinder und Alte. Nach verschiedenen Verschleierungsversuchen kamen die Berichte ¸ber dieses Verbrechen erst gegen Jahresende in die Schlagzeilen der Zeitungen.

Aber der Druck der ˆffentlichen Meinung und der Protestbewegungen nˆtigte Pr‰sident Johnson dazu, Verhandlungen mit dem Ziel des R¸ckzugs der amerikanischen Truppen aus S¸dvietnam aufzunehmen. Nachdem er das Kommando ¸ber die Truppen in Vietnam dem General Westmoreland entzogen hatte, k¸ndigte Johnson am 31. M‰rz 1968 in einer dramatischen Fernsehrede an, da_ er bei den Pr‰sidentenwahlen im November nicht wieder kandidieren w¸rde und die Kandidatur dem Senator Hubert Humphrey ¸berlie_e, und da_ er die Bombardierungen Nordvietnams einstellen w¸rde.

Am 9. April willigte Hanoi in den Beginn von Verhandlungen mit den Vereinigten Staaten ein, am 3. Mai einigten die USA und Nordvietnam sich ¸ber den Beginn von Vorverhandlungen, die am 10. Mai in Paris begannen. Um die Gespr‰che zu beeinflussen startet die Befreiungsfront am 5. Mai eine neue, m‰chtige Offensive. Der Angriff betraf 122 Orte, war aber vor allem auf die Hauptstadt des S¸dens, Saigon, konzentriert. Die Vietcong besetzten das Industrie- und Handelsviertel Cholon, das von den US-Flugzeugen bombardiert wurde. Die K‰mpfe in Saigon hielten bis Anfang Juni an, als die Regierungstruppen das Cholon-Quartier zur¸ckeroberten, w‰hrend in den Regierungsgeb‰uden Saigons die Linee des Pr‰sidenten Van Thieu mit der h‰rteren des Vizepr‰sidenten Cao Ky zusammenstie_.

Am 27. Juni durchbrachen die Marines, nach monatelanger Belagerung, die Einschlie_ung und verlie_en Khe Shan. Diese schwere Niederlage trieb die Amerikaner dazu, die Bombardierungen Nordvietnams zu verst‰rken, die im Mai und Juni gemildert worden waren. Aber der Weg zum Verhandlungstisch war nunmehr offen. Am 7. November ¸bernahm der Republikaner Nixon die Nachfolge des Demokraten Johnson. Am 8. Dezember traf die s¸dvietnamesische Delegation in Paris ein; sie bestand aus sechzig Personen und wurde von Cao Ky, der Nummer zwei des Regimes, geleitet. Der Leiter der amerikanischen Delegation war Cyrus Vance. Nach ‰u_erst langen Pr‰liminarien begann die eigentliche Verhandlung erst am 18. Januar 1969: am Verhandlungstisch sa_en die beiden vietnamesischen Regierungen, die USA und die Befreiungsfront, die so ihre endg¸ltige politisch-diplomatische Anerkennung erreichte. Die von Momenten starkem Wiederaufflammens des Konflikts unterbrochenen Verhandlungen f¸hren zu dem Friedensabkommen vom 27. Januar 1973, das den R¸ckzug der US-Truppen, das Ende der Feindseligkeiten und die Wiedervereinigung des Landes vorsah. Van Thieu setzte den Krieg fort, trotzdem wurde Saigon 1975 befreit.

Und so begann eine andere Geschichte.

 

www.media68.com | february 1998