Der Vietnamkrieg war nicht einer der vielen Kolonialkriege.
F¸r die Jugend, die 1968 in der ganzen Welt gegen das Establishment rebellierte,
war der Vietnamkrieg viel mehr. Angesichts dieses Krieges, wurden zum ersten mal
die Grenzen des demokratischen Westens bewu_t. Der z‰he Widerstand und die
Opfer dieses entfernten Bauernvolkes zeigten der westlichen Jugend, da_ die demokratischen
USA nicht demokratisch genug waren, um jemandem in einer entfernten Provinz
Asiens zu erlauben, seine eigenen Wege zu gehen. Der Vietnamkrieg wirkte ¸berall
als Beispiel, weil er bewies, da_ es der grˆ_ten milit‰rischen, technischen
und finanziellen Macht der Welt nicht gelang, ein Volk zu besiegen, da_ f¸r
seine Freiheit und Unabh‰ngigkeit k‰mpfte. Nach dem Sieg von 1975 entt‰uschten
die H‰rte der vietnamesischen Politik und die Machtkonflikte in der Region die
Erwartungen derer, die sich f¸r ein freies Vietnam eingesetzt hatten. Dennoch
bleibt der Vietnamkrieg das einzigartige Beispiel eines Krieges, der nicht nur
im Dschungel und auf den Reisfeldern ausgetragen wurde, sondern auch auf den
Stra_en und Pl‰tzen und an den Universit‰ten der ganzen Welt. Dort spielte
sich die wahre Niederlage der Vereinigten Staaten ab.
In Vietnam hatten die Amerikaner den franzˆsischen
Kolonialismus ersetzt, der 1954 in Dien Bien Phu vom Viet Minh-Heer
unter der Leitung des Generals Giap besiegt worden war. Der Viet Minh war
1941 auf Initiative der Kommunistischen Partei Indochinas gegr¸ndet worden,
deren Vorsitzender Ho Tschi Minh war. Gegen die in S¸dvietnam mit
amerikanischer Unterst¸tzung eingerichtete Marionettenregierung Diems
bildete sich im Dezember 1960 die Nationale Befreiungsfront S¸dvietnams.
Bereits ein Jahr sp‰ter beherrschten die Guerrillak‰mpfer einen Gro_teil der
l‰ndlichen Gebiete, w‰hrend sich in den St‰dten der buddhistische Protest
entwickelte: 1963 verbrannte sich zum ersten mal ein Mˆnch in Saigon; auf das
Erstarken der Opposition und der Guerilla antwortete erst das Regime Diems und
dann das von Van Thieu mit einer erbarmungslosen Unterdr¸ckung. Gleichzeitig nahm der Einsatz der USA zu Gunsten des s¸dvietnamesischen
Regimes st‰ndig zu. W‰hrend der Amtszeit des Pr‰sidenten Kennedy (1960-1963)
wurde der Plan des Sonderkrieges durch eine Form massiveren Eingreifens
ersetzt: amerikanische Milit‰rberater leiteten das s¸dvietnamesische Heer bei
seinen Aktivit‰ten, man begann mit dem Einsatz von Napalmbomben gegen die
Bauerndˆrfer und dem massive Gebrauch von Unkrautbek‰mpfungsmitteln und Entlaubungsmitteln,
die auf lange Dauer die Ernten und die Gesundheit der S¸dvietnamesen gef‰hrden
sollten.
1967 gab Che Guevara die Losung ÑSchafft zwei, drei, viele Vietnamsì
heraus, w‰hrend in den Vereinigten Staaten die gro_en
Antikriegsdemonstrationen (mit dem Slogan ÑStop the bombingì, Schlu_ mit
den Bombardierungen Nordvietnams) und die Proteste der Soldaten und der
Wehrpflichtigen begannen. Die Tet-Offensive war der Versuch eines Generalangriffs von sehr hohem
Symbolgehalt (ein Kommando vermochte sogar, in die US-Botschaft in Saigon
einzudringen), aus milit‰rischer Sicht war sie aber kein gro_er Erfolg. Es
gelang nicht, dauerhaft wichtige Objektive zu besetzen; au_erdem fand die
Offensive keinen gro_en Widerhall in den St‰dten, wo die Aufst‰nde
ausblieben, auf die die Partisanen gehofft hatten. Den Amerikanern gelang es,
fast alle Stellungen zur¸ckzuerobern, die sie im ersten Moment verloren hatten,
darunter HuË, die alte Hauptstadt Vietnams. Die Tet-Offensie war aber ein
gro_er politischer Erfolg und stellte im Vietnamkrieg einen regelrechten
Wendepunkt dar: sie zeigte der amerikanischen und der Weltˆffentlichkeit, da_
ein milit‰rischer Sieg der Vereinigten Staaten nicht kurzfristig zu erreichen
war, und vielleicht ¸berhaupt nicht mˆglich war. Im M‰rz wurde noch erbittert gek‰mpft: die US-Truppen starteten eine
Gegenoffensive im Mekong-Delta und begannen die sogenannte Reisfeldschlacht.
Unterdessen dauerte die mit dem Angriff des 21. Januars begonnene Belagerung der
amerikanischen Basis Khe Shan durch die Befreiungskr‰fte an. Die schweren US-Bombardierungen
Hanois, der Hauptstadt Nordvietnams, gingen weiter; am 7. M‰rz gab es
in Hanoi Hunderte von Zivilopfern.
Der 16. M‰rz war - auch wenn die Nachricht sich nicht unmittelbar
verbreitete - der Tag der moralischen Niederlage der USA: unter Leitung von
Oberst Calley besetzten die ÑGr¸nm¸tzenì das Dorf Mylai und
ermordeten, da sie keinen Vietcong finden, mehr als hundert Frauen, Kinder und
Alte. Nach verschiedenen Verschleierungsversuchen kamen die Berichte ¸ber
dieses Verbrechen erst gegen Jahresende in die Schlagzeilen der Zeitungen. Aber der Druck der ˆffentlichen Meinung und der Protestbewegungen nˆtigte
Pr‰sident Johnson dazu, Verhandlungen mit dem Ziel des R¸ckzugs der
amerikanischen Truppen aus S¸dvietnam aufzunehmen. Nachdem er das Kommando
¸ber die Truppen in Vietnam dem General Westmoreland entzogen hatte, k¸ndigte
Johnson am 31. M‰rz 1968 in einer dramatischen Fernsehrede an, da_ er bei den
Pr‰sidentenwahlen im November nicht wieder kandidieren w¸rde und die
Kandidatur dem Senator Hubert Humphrey ¸berlie_e, und da_ er die
Bombardierungen Nordvietnams einstellen w¸rde. Am 9. April willigte Hanoi in den Beginn von Verhandlungen mit den
Vereinigten Staaten ein, am 3. Mai einigten die USA und Nordvietnam sich ¸ber
den Beginn von Vorverhandlungen, die am 10. Mai in Paris begannen. Um die Gespr‰che
zu beeinflussen startet die Befreiungsfront am 5. Mai eine neue, m‰chtige
Offensive. Der Angriff betraf 122 Orte, war aber vor allem auf die Hauptstadt
des S¸dens, Saigon, konzentriert. Die Vietcong besetzten das Industrie- und
Handelsviertel Cholon, das von den US-Flugzeugen bombardiert wurde. Die K‰mpfe
in Saigon hielten bis Anfang Juni an, als die Regierungstruppen das
Cholon-Quartier zur¸ckeroberten, w‰hrend in den Regierungsgeb‰uden Saigons
die Linee des Pr‰sidenten Van Thieu mit der h‰rteren des Vizepr‰sidenten
Cao Ky zusammenstie_. Am 27. Juni durchbrachen die Marines, nach monatelanger Belagerung, die
Einschlie_ung und verlie_en Khe Shan. Diese schwere Niederlage trieb die
Amerikaner dazu, die Bombardierungen Nordvietnams zu verst‰rken, die im Mai
und Juni gemildert worden waren. Aber der Weg zum Verhandlungstisch war
nunmehr offen. Am 7. November ¸bernahm der Republikaner Nixon die
Nachfolge des Demokraten Johnson. Am 8. Dezember traf die s¸dvietnamesische
Delegation in Paris ein; sie bestand aus sechzig Personen und wurde von Cao Ky,
der Nummer zwei des Regimes, geleitet. Der Leiter der amerikanischen Delegation
war Cyrus Vance. Nach ‰u_erst langen Pr‰liminarien begann die
eigentliche Verhandlung erst am 18. Januar 1969: am Verhandlungstisch sa_en die
beiden vietnamesischen Regierungen, die USA und die Befreiungsfront, die so ihre
endg¸ltige politisch-diplomatische Anerkennung erreichte. Die von Momenten
starkem Wiederaufflammens des Konflikts unterbrochenen Verhandlungen f¸hren zu
dem Friedensabkommen vom 27. Januar 1973, das den R¸ckzug der US-Truppen, das
Ende der Feindseligkeiten und die Wiedervereinigung des Landes vorsah. Van Thieu
setzte den Krieg fort, trotzdem wurde Saigon 1975 befreit. Und so begann eine andere Geschichte.
www.media68.com | february 1998
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In Vietnam beginnt das Jahr 1968 mit dem Ereignis, das unter dem Namen Tet-Offensive
in die Geschichte eingehen sollte. F¸r den Tet, den Anfang des Mondjahres, der
Ende Januar gefeiert wird, hatte Van Thieu, der Pr‰sident S¸dvietnams,
eine achtundvierzigst¸ndige Kampfpause angek¸ndigt. Am 27. Januar begann der
einwˆchige Waffenstillstand, den die Nationale Befreiungsfront angek¸ndigt
hatte. Aber am 30. Januar startete sie mit dem nordvietnamesischen Heer die
gro_e Tet-Offensive: die Guerillak‰mpfer tauchten aus dem Dschungel auf und
griffen gleichzeitig 140 kleinere und grˆ_ere Orte sowie die Hauptquartiere des
Saigoner Heeres, acht von elf Divisionskommandanturen, drei_ig Flugh‰fen und
vierzehn Luftst¸tzpunkte an. Es handelt sich um den massivsten Angriff in der Geschichte
des Vietnamkrieges.
1964
leitete Pr‰sident Johnson ein Eskalation ein mit dem Einsatz der
Gro_bomber B52 gegen das Staatsgebiet Nordvietnams. Ende 1965 standen
bereits 175.000 US-Soldaten im Land. Aber in den USA und in der ganzen Welt
verst‰rkte sich die Opposition gegen den Krieg, und eine Gruppe
bedeutender Intellektueller verschiedener Nationen (darunter Lelio Basso, G¸nther
Anders, Jean-Paul Sartre und Bertrand Russell) gr¸nden das sp‰ter Russell-Tribunal
genannte Gremium, um die US-Verbrechen in Vietnam zu verurteilen. 