Das Problem, die politische Entwicklung nach dem Tode des
Generalissimus Franco zu planen und vorauszusehen,
ist das Thema der Diskussion, die w‰hrend des Fr¸hjahrs und des Sommers 1968
in Spanien die katholischen W¸rdentr‰ger, die Krone und die Falange,
die politische Partei, die der "Caudillo de EspaÒa por gracias de Dios"
nach der Niederlage der Spanischen Republik an die Macht gebracht hat, f¸hren.
Die Wahl f‰llt auf die Formel des "Franco-Systems ohne Franco", um
einen schmerzlosen ‹bergang zu gew‰hrleisten und dabei nat¸rlich die
Staatsform zu verwandeln, aber ohne da_ die Ver‰nderungen die herrschende
Ordnung ersch¸ttern. Im Jahr davor haben die Cortes bereits die Ley organica
del Estado verabschiedet, die nicht nur die Monarchie wieder einf¸hrt,
sondern auch eine teilweise Demokratisierung des ˆffentlichen Lebens Spaniens
vorsieht und eine Neuigkeit beinhaltet, n‰mlich den Zugang von Zivilisten, die
nicht an den m‰chtigen Apparat der Falange gebunden sind. Bis 1967 wurden die
Regierungen ausschlie_lich aus Milit‰rs gebildet, die die Staatsstrukturen
nach ihrem eigenen Ebenbild umgeformt hatten. Die Armee hat das letzte Wort
¸ber die nationale Sicherheit, die Armee ¸berwacht das Wirken der Polizei, die
Armee kontrolliert au_erdem auch die Justiz. Und trotzdem weht w‰hrend des
ganzen Jahres 1968 in Francos Spanien ein anderer Wind. Zum ersten Mal wird die
Pressezensur gelockert, und die Zeitungen informieren ¸ber die Streiks der
Arbeiter, die mehrmals mit ihren Demonstrationen die Stra_en Madrids blockieren,
w‰hrend die Universit‰tsbesetzungen und die Zusammenstˆ_e zwischen
Studenten und Granaderos von einigen Journalisten mit Sympathie beschrieben
werden. Au_erdem sind die Auslandsseiten der Zeitungen voll mit Berichten ¸ber
die Studentenbewegungen in Frankreich, Italien und Deutschland und ¸ber den
Protest gegen den Vietnamkrieg in den Vereinigten Staaten.
Der Opus Dei, die katholische Kirche und das
technokratische B¸rgertum hoffen auf einen schmerzlosen ‹bergang zur
Demokratie und setzen auf den jungen Juan Carlos von Bourbon, der in der Tat zum
Nachfolger Francos ernannt wird. Die Haltung der Falange und der Milit‰rs ist
anders: F¸r sie stellt die einzige Lˆsung der Ausnahmezustand und ein
"Franco-Regime ohne Franco" dar. Unterdessen haben die Arbeiterkommissionen f¸r den
ersten Mai eine Mobilisierung anl‰_lich des Tags der Arbeit ausgerufen. In
Asturien treten die Bergarbeiter wieder in den Streik gegen die w‰hrend des
ganzen Jahres 1967 und in den ersten Monaten des Jahres 1968 erfolgten
politischen Entlassungen. Sie fordern auch Lohnerhˆhungen, ebenso wie die
Metallarbeiter in Galizien und Katalonien. Das Regime schwankt zwischen
Repression und Ohnmacht. Viele Gewerkschaftler werden verhaftet, darunter
Marcelino Camacho, der charismatische Chef der Arbeiterkommissionen.
Das ist die Gelegenheit f¸r die Abrechnung mit den
pro-monarchistischen Kr‰ften, die sich den Falken des Franco-Regimes
widersetzen. Der Sieg der Falange und die Verh‰ngung des Ausnahmezustandes
schlie_en eine Phase des spanischen politischen Lebens ab, in der das Regime im
Begriff schien zusammenzubrechen. Die Konflikte zwischen den verschiedenen Fl¸geln des
Franco-Regimes werden von den Anti-Franco-Parteien als eine Gelegenheit erachtet,
die Krise des Regimes zu beschleunigen. Die Kommunistische Partei dr‰ngt
auf die Bildung einer provisorischen, einheitlichen Exilregierung, w‰hrend die
PSOE und die Gem‰_igten darauf hoffen, da_ der internationale Druck das Regime
schlie_lich zu Fall bringen wird. Die provisorische Regierung kommt nicht
zustande und der "Generalissimus" gibt die Macht nicht ab, trotz der
intensiven Diplomatiet‰tigkeit der Vereinigten Staaten und Deutschlands zwecks
Beginn einer "Demokratisierung von oben". Das Scheitern der
kommunistischen und sozialistischen Hypothesen ist nicht nur das Ergebnis der
Spaltungen im Inneren der Anti-Franco-Front, sondern ist in vielen F‰llen auch
eine Folge der mangelnden Verbindung zwischen dem Wirken der Chefs im Exil und
der neuen gesellschaftlichen und politischen Realit‰t Spaniens. Ende 1968 sind in Spanien jedenfalls zahllose
Anti-Franco-Gruppen entstanden. Es entstehen Organisationen wie die "Frente
de liberacion popular" (FLP) oder "Bandera roja" oder
maoistische Gruppen, neben trotzkistischen oder anarchistischen. Aber die
Vervielf‰ltigung der Organisationen ist kein Anzeichen der Schw‰che und der
Zersplitterung der Oppositionsbewegung, sondern eher ein Beweis der "Wende",
von der alle sprechen und schreiben. In der Tat werden zum ersten Mal, seit
Franco an der Macht ist, B¸cher ohne das Eingreifen der Zensur gedruckt oder ¸bersetzt.
Die Presse spricht offen vom Ende des Franco-Regimes, und in den Universit‰ten
wird die gesetzlich garantierte didaktische Autonomie benutzt, um frei die
spanische Zeitgeschichte zu diskutieren und so das Tabu zu durchbrechen, das es
verbot, von der Republik in den drei_iger Jahren zu sprechen.
Nicht einmal die Verh‰ngung des Ausnahmezustandes vermag es,
diese Wende zu blockieren: Die Streiks und Universit‰tsbesetzungen halten an,
und gleichzeitig streiken auch die Gymnasiasten und die Berufssch¸ler.
Barcelona, Bilbao, Madrid und Valencia werden zu Schaupl‰tzen wiederholter
Zusammenstˆ_e zwischen der Polizei und Arbeiter- und Studentengruppen, die die
Kommandotechnik anwenden, um den Angriffen der Polizei zu widerstehen. Die
Arbeiterkommissionen und die anderen illegalen Gewerkschaften (UGT und USO)
rufen f¸r den 3. November 1969 einen nationalen Mobilisierungstag aller
Arbeiter aus. Dieser erste Generalstreik legt das ganze Land lahm. In diesem
Klima beginnt im Dezember 1970 in Burgos der Proze_ gegen sechzehn Mitglieder
der ETA, die der Ermordung des Chefs der politischen Polizei in San
Sebastian angeklagt sind. Die Regierung will den Proze_ mit der Verurteilung der
baskischen K‰mpfer zum Tode enden lassen, aber der internationale Druck, die
Wiederaufnahme der Autonomiebewegung in Katalonien und das Aufruhrklima im
Baskenland nach der Entf¸hrung des deutschen Honorarkonsuls in San Sebastian
f¸hren zur Verschiebung der Proze_erˆffnung. Der Bischof von Pamplona erkl‰rt
ˆffentlich seine Unterst¸tzung f¸r die nationalen Forderungen der Euzkadi.
Der von einem Kriegsrat geleitete Proze_ beginnt, aber die Bekanntmachung des
Urteils wird st‰ndig verschoben, auch weil der Vatikan in einem offenen Brief
an Franco um Gnade f¸r die Angeklagten ersucht. In dieser Situation ruft die Regierung zu einer Reihe von
Demonstrationen zugunsten Francos auf. Die wichtigste findet in Madrid statt; an
ihr nehmen zweihunderttausend Personen teil, aber als auf der Plaza de Oriente
Franco mit Juan Carlos von Bourbon an seiner Seite erscheint, bleiben die ¸blichen
Ovationen f¸r den Caudillo de EspaÒa por gracias de Dios aus. Viele
rufen Slogans gegen den Opus Dei und das Franco-Regime, und die
Demonstration wird in Eile abgeschlossen. Am 31.Dezember 1970 wird die
Entscheidung des Kriegsrats bekanntgegeben: Die sechzehn ETA-Mitglieder werden
trotz Verurteilung begnadigt.
www.media68.com | february 1998
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Die Falange verlangt mehrfach das direkte Eingreifen Francos, um die "Chaoswelle"
im Land aufzuhalten, aber der alte und kranke General zieht es vor, mit den
Unterdr¸ckungsma_nahmen die Regierung zu beauftragen. Trotz der zahlreichen
Verhaftungen von Gewerkschaftlern und Studenten nehmen die Streiks zu, und am
Ende des Jahres ist Spanien das europ‰ische Land, in dem am meisten gestreikt
wurde. Die wichtigsten Anti-Franco-Parteien, die heimlich arbeiten, suchen die
Aktionseinheit, die in drei_ig Jahren Diktatur gefehlt hat. Die Treffen finden
beinahe immer in Frankreich statt, aber f¸hren zu nichts. Zu stark ist noch die
Erinnerung an die, auch bewaffneten, Zusammenstˆ_e zwischen den Kommunisten
einerseits und den Anarchisten, den Trotzkisten und den Sozialisten
andererseits w‰hrend der kurzen Erfahrung der Spanischen Republik.
Aber w‰hrend das Mi_trauen und die Feindseligkeit die Beziehungen zwischen den
politischen Kr‰ften bestimmt, ist die Erfahrung in den Fabriken anders. Hier
kann die Aktionseinheit zwischen Sozialisten, Kommunisten, Anti-Franco-Katholiken
und Anarchisten in den Comisiones Obreras erprobt werden. Die teilweise
Einf¸hrung des Streikrechts und die Entscheidung der Unternehmer, eine eigene
und autonome Vertretung zu gr¸nden, nehmen der koorporativen CNS ihre
Rechtfertigung; diese war die vertikale Gewerkschaft, mit der das Regime
versuchte, die Konflikte zwischen Arbeit und Kapital zu regeln und zu verbergen.
1968 gibt es keinen "institutionellen" Organismus, der nicht von der
Protestbewegung erfa_t wird. Nicht nur werden auf den Arbeitspl‰tzen die
Organisationen, die die Zustimmung der Arbeiter zum Franco-Regime herstellen
sollen, wiederholt bei der Wahl der Gewerkschaftsvertreter geschlagen, sondern
auch in den Universit‰ten haben die vom Regime oktroyierten
Studentenorganisationen spektakul‰re Wahlniederlagen erlitten: Zum Beispiel
als, bereits 1965, bei den Wahlen der Studentenvertretungen f¸r die
akademischen Senate die regimetreue "Gewerkschaft der Universit‰tsstudenten"
die Stimmenmehrheit verliert und danach aufgelˆst wird, um die
technokratischere "Berufsvereinigung der Studenten" zu bilden, der es
nie gelingt, etwas anderes als eine weithin unbekannte Abk¸rzung zu sein. Auch
die Richter verlangen Unabh‰ngigkeit von der politischen Macht, und es kommt
wiederholt vor, da_ sie von der politischen Polizei durchgef¸hrte Verhaftungen
nicht best‰tigen. Die von den Studenten- und Arbeiterunruhen hervorgerufene L‰hmung
der Regierungsstrukturen zeigt die schwierige Lage des Franco-Regimes, das nicht
mehr in der Lage scheint, auf die gesellschaftlichen Ver‰nderungen angemessen
zu reagieren, und es stellt sich das Problem des ‹bergangs zur Demokratie.
Der
erste Mai ist f¸r die Arbeiterkommissionen die Gelegenheit, um auf nationaler
Ebene ihre Plattform zu lancieren. Die Demonstrationen sind zahlreich, und in
Madrid, Bilbao und Barcelona sto_en die Studenten zu den Arbeiterumz¸gen. Die
Polizei schreitet mit H‰rte ein, aber das Land wird trotzdem lahmgelegt. Der
Regierungschef k¸ndigt einen exemplarischen Proze_ gegen die in den
vorhergehenden Monaten verhafteten Gewerkschaftler an, aber die mit dem Opus Dei
verbundenen Minister dr‰ngen auf eine Verminderung der Repression. Die
Kraftprobe zwischen den beiden Fl¸geln des Franco-Regimes dauert bis zum
darauffolgenden Jahr an, als am 24. Januar 1969 die "Falken" des
Regimes sich durchsetzen und der Ausnahmezustand proklamiert wird, um die Welle
von Streiks und Studentendemonstrationen zu beenden, die das Land ersch¸ttert.
Unterdessen werden in allen gro_en St‰dten des Landes die Universit‰ten
wiederholt besetzt und von der Polizei ger‰umt, die so die alten Universit‰tsbestimmungen
verletzt, die den Granaderos und dem Heer den Zugang zu den spanischen
Hochschulen verbieten. In der Wiege der Arbeiterkommissionen, in Asturien, rufen
die Bergleute den Generalstreik aus. Im Baskenland setzt die Unabh‰ngigkeitsbewegung
wieder ein, deren dramatischsten Moment die Ermordung des Chefs der politischen
Polizei in San Sebastian durch die ETA darstellt. Ganz Spanien g‰rt
also, und die Falange dr‰ngt auf eine gewaltsame Lˆsung. Auch ein anderes
Element zeigt die Differenzen zum Opus Dei. Die Wiederherstellung der Monarchie
wird von der Falange als eine Beleidigung der "republikanischen" Gef¸hle
des Franco-Regimes angesehen. Schuld an diesem Affront ist der Opus Dei, der in
den Skandal der Matesa-Fabrik verwickelt wird, der viel Echo in den
Zeitungen findet. 