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An
den Vereinigten Staaten stellt das Jahr 1968 nicht den Beginn des Protestes und
der Revolte dar, sondern ihren Hˆhepunkt. Ab 1964 hatten sich bereits alle Strˆmungen
herausgebildet, die dann im US-amerikanischen " movement"
zusammenflie_en sollten: Der Protest gegen den Vietnamkrieg,
die Revolte der Schwarzen, die Protestbewegung
an den Universit‰ten, die Hippie-Subkultur
und der neue Feminismus.
1968
ist das Jahr der Radikalisierung und der grˆ_ten Ausdehnung all dieser Strˆmungen
der Bewegung. Es ist auch das Jahr, in dem es mˆglich scheint all die
verschiedenen und oft sehr unterschiedlichen, Stimmen des Protestes zu einer
einzigen revolution‰ren Bewegung zusammenzufassen. Auch die verschiedenen k¸nstlerischen
Experimente der Avantgarden, die sich, vor allem im
Bereich der Poesie und des Theaters, in der
ersten H‰lfte des Jahrzehnts haupts‰chlich in New York und San Francisco
entwickelt haben, politisieren sich nun und werden direkt militant.
Der
Krieg in S¸dostasien tr‰gt mehr als alles andere dazu bei, da_ sich die Krise
¸berschl‰gt. F¸r Pr‰sident Lyndon Johnson,
der bei den Wahlen im November wieder f¸r
die Demokratische Partei antreten mˆchte, scheint das Jahr in Wirklichkeit auf
die bestmˆgliche Weise zu beginnen. Das Pentagon ist tats‰chlich der Meinung,
da_ der Vietnamkrieg bald siegreich beendet
sein w¸rde. Der Optimismus stellt sich Ende Januar als eine Illusion heraus.
Zum Tet, dem buddhistischen Neujahr, starten
die Truppen Nordvietnams und die Vietcong-Partisanen eine gro_angelegte
Offensive auf der ganzen Front, die die amerikanischen Truppen vˆllig ¸berrascht.
Einem Selbstmordkommando des Vietcong gelingt es sogar, die US-Botschaft in
Saigon zu besetzen. Unabh‰ngig von ihren milit‰rischen Ergebnissen beweist
die Tet-Offensive, wie weit entfernt der milit‰rische Sieg
ist, den das Wei_e Haus f¸r unmittelbar bevorstehend hielt, und untergr‰bt
entscheidend die Glaubw¸rdigkeit Johnsons. Die Massendemonstrationen und
die Stellungnahmen von Persˆnlichkeiten der Kultur und des Show-Business gegen
den Krieg, die bereits Ende 1967 zahlreich waren, vervielf‰ltigen sich. Sowohl
in der Demokratischen als auch in der Republikanischen Partei treten Kandidaten
auf, die sich offen gegen die Fortsetzung des Krieges aussprechen. Der erste ist
der demokratische Senator Eugene McCarthy, ein alter Pazifist. Am 19. M‰rz
kandidiert f¸r die Demokraten auch Robert Kennedy,
Bruder von John Fitzgerald, dem im November
1963 in Dallas ermordeten popul‰ren Pr‰sidenten. F¸r die Republikaner will
der Milliard‰r Nelson Rockefeller mit einem pazifistischen Programm
kandidieren. F¸r die Fortsetzung des Krieges ist hingegen der andere
republikanische Kandidat, Richard M. Nixon,
Ex-Vizepr‰sident des Pr‰sidenten Eisenhower und bei den Wahlen 1960 von
Kennedy geschlagen. In dieser Lage k¸ndigt Johnson am 31. M‰rz den
R¸ckzug seiner Kandidatur an, die Unterbrechung der Bombardierungen
Nordvietnams und die Erˆffnung von Verhandlungen mit
Hanoi.
An
der Stelle Johnsons stellt sich sein Vize Hubert Humphrey zur
Wahl.
Bei
den verschiedenen Vorwahlen erhalten die pazifistischen Kandidaten stets die
Mehrheit. Am 5. Juni wird Robert Kennedy ermordet,
w‰hrend er in Los Angeles seinen Sieg bei den Vorwahlen in Kalifornien feiert.

Der
Tod Kennedys macht den Weg f¸r Humphrey frei, der die Nominierung auf der
demokratischen "Convention" erh‰lt, die im August in einem belagerten
Chicago abgehalten wird. Wenige Wochen vorher hatte
die republikanische Convention in Miami offiziell Nixon kandidiert.
Au_er
dem Antikriegsprotest wird das Jahr 1968 auch von st‰ndigen Ausbr¸chen schwarzer
Aufst‰nde im ganzen Land durchzogen. Die grˆ_te
Revolte kommt nach der Ermordung des pazifistischen
Anf¸hrers Martin Luther King am 4. April in
Memphis zustande.
Der
Protest greift auf 130 St‰dte ¸ber. Die Zusammenstˆ_e, oft mit Feuerwaffen,
enden mit Dutzenden von Toten und Tausenden von Verhaftungen. Luther King wird
an der Spitze der gewaltlosen Bewegung f¸r die B¸rgerrechte durch seinen
Mitarbeiter Ralph Abernathy ersetzt, der im Juni einen Marsch der Armen bis nach
Washington bringt, an dem Hunderttausende von Personen teilnehmen.
Der
Marsch endet mit der Errichtung einer enormen Zeltstadt, Resurrection City, die
von der Polizei ger‰umt wird. Die Zerstˆrung von Resurrection City und die
Verhaftung Abernathys lˆsen in Washington eine der gewaltt‰tigsten
schwarzen Revolten des Jahres aus.
1968
entsteht eine dritte Komponente der schwarzen Bewegung neben der gewaltlosen und
neben dem kulturellen Nationalismus des Black Power.
Es
handelt sich um die Black Panther Party, die
1966 in Oakland, Kalifornien, von Huey P. Newton und
Bobby Seale gegr¸ndet wurde, zu denen sich
bald der ehemalige Str‰fling und Schriftsteller Eldridge Cleaver gesellte.
Die
Schwarzen Panther verbinden die Lehren von Malcolm X mit
denen des algerischen Intellektuellen Franz Fanon.
Sie sind gegen den kulturellen Nationalismus des Black Power und gelangen bald
dazu, sich Marxisten zu nennen.
Im
Januar 1968 wird Newton verhaftet und der Ermordung eines Polizisten angeklagt.
Die
Kampagne f¸r seine Befreiung bietet der Black Panther Party die Gelegenheit,
¸ber die Grenzen Kaliforniens hinauszugehen und im ganzen Land bekannt zu
werden; so erwerben sie schnell eine Vormachtstellung in der Schwarzenbewegung.

Im
Lauf der mehrt‰gigen Zusammenstˆ_e, die auf die Ermordung Luther
Kings folgen, liefern sich die F¸hrer der Schwarzen
Panther ein Feuergefecht mit der Polizei auf der Stra_e. Der sechzehnj‰hrige
Bobby Hutton, eines der ersten Mitglieder der Partei, wird getˆtet. Eldridge
Cleaver, der nach der Verhaftung Newtons die Leitung der Bewegung ¸bernommen
hat, wird des Mordes angeklagt. Im Oktober nimmt der Protest der Schwarzen eine
besonders eklatante Form an.
Die
Athleten Tommy Smith und John Carlos, die bei den Olympischen Spielen
in Mexiko-City die Gold- bzw. die Bronzemedaille im
200-Meter-Lauf erhalten, erscheinen bei der Preisverleihung barfu_ und mit einem
schwarzen Handschuh an der Faust.
Die
Schicksale der Studentenbewegung, die vor
allem von der radikalen Organisation SDS geleitet wird, verbinden sich sowohl
mit dem Anti-Kriegs-Protest als auch mit dem
der Schwarzen.
Die
Hauptzentren sind die Columbia University in
New York und Berkeley in Kalifornien.
Es
sind die schwarzen Studenten, die am 25. April die Besetzung der Columbia
beginnen; ihnen folgen sofort die wei_en Studenten.
Die
Besetzung endet f¸nf Tage sp‰ter mit einem au_ergewˆhnlich brutalen Einsatz
der Polizei. Die Besetzung der Columbia wird in den folgenden Monaten mehrfach
wiederholt, und jedesmal greift die Polizei ein.
Auch
in Berkeley lˆsen die Proteste gegen die R¸stungsaktivit‰ten der Universit‰t
und gegen das Verbot der Seminare des Black Panther Eldrige Cleaver die Spannung
aus, die Ende Juni und dann erneut im Herbst, zu heftigen Zusammenstˆ_en mit
der Nationalgarde f¸hrt.

Der
Radikalisierungsproze_ betrifft auch die Subkultur. Im September 1967 hatten die
Hippies ˆffentlich ihr eigenes Begr‰bnis
in San Francisco begangen, um der Kommerzialisierung ihrer Bewegung zu entgehen.
1968 nimmt die Subkultur immer deutlicher politische Z¸ge an. Jerry Rubin und
Abbie Hoffman, Ex-Anf¸hrer des Studentenprotestes, organisieren die Yippies,
politisierte und radikale Hippies.
Ende
August rufen die Yippies zu einer nationalen Protestdemonstration in
Chigaco auf.
Das
Jahr der Revolte endet im November mit dem Sieg Richard Nixons bei den Pr‰sidentenwahlen.
Bald darauf begannen wieder die Bombardierungen Nordvietnams.
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www.media68.com | february 1998