In Lateinamerika stellt das Jahr 1968 keine Grenzscheide dar, wie es in Europa und in den USA der Fall ist.

In den zwˆlf Monaten dieses Jahres kommen keine neuen gesellschaftlichen Subjekte, neue Themen und neue Hauptfiguren auf (obwohl das verbindende Element mit der Achtundsechzigerbewegung in anderen L‰ndern in der Rolle der Studenten gesehen werden kann sowie im ‹bergang von der zentralen Rolle der l‰ndlichen Gebiete zu der zentralen Rolle der St‰dte). Es gibt kein "vorher" und "nachher", sondern vielmehr die Fortsetzung von Prozessen, die in Lateinamerika Anfang der sechziger Jahre begannen: Guerillabewegungen, Milit‰rregimes und Studentenrevolten, aber auch eine st¸rmische Entwicklung der kritischen Kultur, von der Literatur bis zum Kino und den Gesellschaftswissenschaften, durchziehen beinah alle wichtigen L‰nder dieser Weltgegend.

 

Die "Dritte-Welt-Solidarit‰t" der Achtundsechzigerbewegung ist eine europ‰ische Erfindung, die dazu neigt, den Hauptwiderspruch des Kapitalismus-Imperialismus jener Phase in den unterentwickelten und sich gerade emanzipierenden L‰ndern anzusiedeln (Algerien, Vietnam und Kuba sind drei Symbole, die zum ersten Mal das in den Mittelpunkt des Weltgeschehens stellen, was in Afrika, Asien oder Lateinamerika vor sich geht). Das erste wichtige Ereignis dieses Jahres, das auch den Hˆhepunkt einer das ganze Jahrzehnt andauernden, au_erordentlichen literarischen Bl¸te darstellt, ist der Kulturkongre_, der vom 4. bis zum 11. Januar in Havanna stattfindet. In der kubanischen Hauptstadt versammeln sich eine Woche lang Intellektuelle und Vertreter der Befreiungsbewegungen aus der ganzen Welt. Die Tagung beginnt mit der Verlesung einer Botschaft des franzˆsischen Philosophen Jean-Paul Sartre und endet mit einem Beschlu_, bei dem die Aufgaben der Kulturschaffenden im Dienst der entstehenden Revolutionen in der dritten Welt festgelegt werden. Der Kongre_ "gr¸_t im Kommandanten Ernesto Che Guevara das Beispiel eines revolution‰ren Intellektuellen unserer Zeit, der ƒmter und Ehren verlie_, um f¸r jedes unterdr¸ckte Volk auf der Erde zu k‰mpfen". Das ist die Best‰tigung daf¸r, da_ Kuba damals einen Bezugspunkt f¸r ganz Lateinamerika darstellte. Die Revolution von 1959, die 1961 f¸r "sozialistisch" erkl‰rt wurde, ist f¸r das ganze Jahrzehnt ein Schl¸sselereignis, bis nach dem Tod Guevaras in Bolivien (am 9. Oktober 1967) langsam aber unaufhaltsam die Wendung zum "Mainstream" der Sowjetunion und des "realen Sozialismus" erfolgt. Aber das Jahr 1968 in Kuba ist auch das der unerwarteten Unterst¸tzung der sowjetischen Invasion Prags, die das Ende einer Phase anzeigt, in der nach einer autonomen Strategie f¸r sich und die anderen L‰nder Lateinamerikas gesucht wurde.

Mit der kubanischen Revolution zeichnet sich zum ersten Mal in Lateinamerika die Mˆglichkeit ab, den Sozialismus als Alternative zur alten, bei den linken Parteien vorherrschenden Idee aufzufassen, der zufolge erst eine b¸rgerliche Revolution nˆtig war, bevor man an weiter fortgeschrittene Ziele denken konnte.

 

Den Guerillabewegungen, die in verschiedenen Situationen versuchen, das nachzuahmen, was Fidel Castro und Ernesto Guevara mit der Bewegung des 26. Juli in Kuba gemacht haben, steht die Strategie der Vereinigten Staaten gegen¸ber, die ab 1962 - mit der von Pr‰sident John Fitzgerald Kennedy beschlossenen "Alianza para el progreso" - die vollst‰ndige Kontrolle ¸ber den lateinamerikanischen Kontinent zur¸ckzugewinnen, indem sie ˆkonomische und finanzielle Hilfe an ihre politische Vormachtstellung binden. Beinah alle Guerillabewegungen beziehen sich, als Antwort auf Washington, auf die Ideen Guevaras und auf den theoretischen Text des Franzosen Regis Debray, "Revolution in der Revolution?": Die traditionelle Schw‰che der Demokratie und des B¸rgertums in Lateinamerika wird als eine Chance betrachtet und nicht l‰nger als ein Nachteil; die bevorzugte Handlungsmethode ist der bewaffnete Kampf.

Der Tod des Che 1967 l‰_t erkennen, was in der darauffolgenden Zeit geschehen sollte: Die Niederlage in Bolivien beendet symbolisch die Hoffnung auf eine schnelle Verbreitung siegreicher Guerillak‰mpfe in anderen L‰ndern Lateinamerikas (Guevara dachte daran, von Bolivien nach Peru zu gehen und dann nach Argentinien), die das kubanische Einschwenken auf den Moskauer Kurs vermeiden und die Mˆglichkeit einer Befreiung dieser Weltgegend vergrˆ_ern h‰tten kˆnnen. Wie es in den vorhergehenden Jahren geschehen war (Milit‰rdiktatur in Brasilien ab 1964), zieht sich die Kraftprobe zwischen Guerillas und Repression in Form von Putschen und Unterwerfung der wenigen Zivilregierungen unter das Kommando der an Washington gebundenen Oligarchien bis zum symbolischen Datum des 11. September 1973 hin, als der Staatsstreich des Generals Augusto Pinochet in Santiago de Chile beweist, da_ der Sozialismus nicht schmerzlos zu erreichen ist, weder mit den Theorien der "Guerilla-Herde' noch mit den vom Pr‰sidenten Salvador Allende befolgten parlamentarischen Methoden.

Wenn man die Ereignisse des Jahres 1968 in Lateinamerika betrachtet, so stellt man fest, da_ die bezeichnendsten Geschehnisse Teil dieser erbarmungslosen Kraftprobe sind. Am 16. Januar tˆtet in Guatemala-City eine Gruppe Guerilleros der FAR-Bewegung zwei Offiziere der in dieser Hauptstadt bestehenden amerikanischen Kommandostelle: die Vereinigten Staaten werden f¸r die Ermordung von mindestens 4000 Guatemalteken innerhalb weniger Jahre verantwortlich gemacht. Die Antwort auf die Guerilla-Aktion ist der Belagerungszustand im gesamten Land. Im Juni bricht in Argentinien eine Revolte aus, w‰hrend die Regierung den Jahrestag des Staatsstreichs des Generals Juan Carlos OnganÌa feiert: Allein in Buenos Aires werden 500 Personen verhaftet. Am 13. Juni verk¸ndet Pacheco Areco, der Pr‰sident Uruguays, die Beschr‰nkung der zivilen Freiheiten; die Tupamaros-Bewegung verl‰_t den Boden der Legalit‰t und w‰hlt den Guerillakrieg; Feuergefechte und demonstrative Aktionen dauern das ganze Jahr 1968 ¸ber an. Am 28. Juli bricht die Studentenrevolte in Mexiko-City aus, die Polizei geht mit Bazookas und Panzern vor. Am 21. September kommt es in der mexikanischen Hauptstadt zu neuen Unruhen: 736 Personen werden verhaftet. Am 30. September wird die Vera-Cruz-Universit‰t in Mexiko besetzt. Am 3. Oktober setzen in Peru die Milit‰rs die Zivilregierung des Pr‰sidenten Belaunde Terry ab. Am selben Tag werden in Mexiko-City, auf dem Platz der drei Kulturen, 10.000 Studenten von der Polizei angegriffen, die das Feuer mit Maschinengewehren erˆffnet: Es gibt ¸ber 300 Tote. Am 12. Dezember wird der Pr‰sident Arias von Panama durch einen Putsch gest¸rzt. Am 14. Dezember versch‰rft die Milit‰rregierung in Brasilien erneut die Repression (ein Putsch im Putsch): 3000 Personen werden verhaftet und ihrer politischen Rechte beraubt; der Pr‰sident Costa e Silva hebt die verfassungsm‰_igen Rechte auf.

Die Theorien vom "Guerillaherd" sind eine Antwort auf die neu entstandenen sozialen Probleme Lateinamerikas und machen die Schw‰che der marxistischen Analysen hinsichtlich dieses Weltteils klar, die nicht die besonderen Umst‰nde ber¸cksichtigen, unter denen sich die Nationalstaaten gebildet haben. Auch Karl Marx selber hatte in seinen wenigen Schriften zu diesem Thema von "Nationen ohne Geschichte" gesprochen, w‰hrend es in jenen L‰ndern die Milit‰rs gewesen sind, die die Grenzen gezogen haben. Sie strebten dabei nach der Schaffung von nationalen M‰rkten, wo spezifische Formen von populistischem "Caudillismo" mangels Alternativen Erfolg haben konnten (der exemplarische Fall ist der Juan Domingo PerÛns und seines "Peronismus" in Argentinien). Auch das Lateinamerika der sechziger Jahre entzieht sich den marxistischen Interpretationsmodellen, sowohl denen, die sich auf die "Kolonialfrage" beziehen, als auch denen, f¸r die die Verwirklichung der industriellen Revolution eine notwendige ‹bergangsphase ist, bevor an weitergehende Organisations- und Kampfformen gedacht werden kann. Der Fall Kubas, mit der Guerillamethode, tendiert dazu, beispielhaft zu werden, weil die Revolution Castros dank der Auflˆsung der Armee hatte siegen kˆnnen. Aber es sollte sich zeigen, da_ dieser Umstand die Ausnahme und nicht die Regel darstellte (der "Castrismus" bleibt eine Verschmelzung sui generis von Nationalismus und humanistischem Sozialismus). Die jungen Anf¸hrer, die versuchen, dem kubanischen Beispiel zu folgen, kommen in der Tat von der Krise der nationalistischen Bewegungen oder von kleinen Abspaltungen der moskautreuen, kommunistischen Parteien her.

 

 

1968 treten in Lateinamerika einige langanhaltende Prozesse ein: Das demographische Wachstum (aus den 209 Millionen Einwohner von 1960 sind fast 275 Millionen geworden); die Landflucht gro_er Anteile der Bevˆlkerung; die Verarmung der Mittelschicht, die die Bandbreite der Ausgrenzung vergrˆ_ert; die Mittelschichten nehmen quantitativ zu, aber haben letztendlich ein qualitativ geringeres Gewicht im Gesamtbereich der Gesellschaft; die steigende Abh‰ngigkeit der neuen Oligarchien von der Wirtschaft der Vereinigten Staaten, gegen¸ber dem in den f¸nfziger Jahren verbreiteten Populismus. Die Verarmung des Kontinents als struktureller Faktor erkl‰rt sich au_erdem durch die Abh‰ngigkeit vom internationalen Markt und mit der Unf‰higkeit, die industriellen Infrastrukturen zu modernisieren, um mit der Weltwirtschaft Schritt zu halten. Typisch ist das Problem der Landwirtschaft, die nur den gro_en Landbesitzern die Erzielung von ansehlichen Gewinnen erlaubt. Au_erdem entwickelt sich die Staatsindustrie nicht in Konkurrenz zur privaten. Das lateinamerikanische Puzzle am Ende der sechziger Jahre weist eine interessante theoretische Frage auf, die bis zu den neunziger Jahren bestehen bleibt: Trotz der Verbindungen mit der Wirtschaft und der Politik Washingtons gelingt es nicht, fortgeschrittene Formen kapitalistischer Entwicklung zu produzieren, nicht einmal in den gro_en Staaten Mexiko, Argentinien und Brasilien. Die Unterentwicklung h‰ngt von der Entwicklung der USA ab, der sie n¸tzlich ist. In den darauffolgenden Jahren sollte die Abh‰ngigkeit noch wachsen und die ma_lose Verschuldung der einzelnen Staaten zur Folge haben. So geraten alle Theorien ¸ber die schnelle Entwicklung der industriell und sozial fortgeschrittensten L‰nder Lateinamerikas in eine Krise.

Das Jahr 1968 weist in Lateinamerika alle Anzeichen dessen auf, was die Niederlage der Ideen Guevaras anzeigen sollte: Das Auftreten eines neuen (institutionellen und nicht an einen "Caudillo" gebundenen) Militarismus, Isolierung der nationalen Guerillabewegungen, Spaltungen in der traditionellen und der kommunistischen Linken, auf der der Schatten des Bruchs in der kommunistischen Weltbewegung infolge des Schismas zwischen Moskau und Peking lastete. Havanna institutionalisiert und reguliert ¸berdies nach dem Tode Ches seine Revolution und lockert die Beziehungen zu den Aufstandsbewegungen. Aber in dieser Weltgegend taucht auch deutlich die "katholische Frage" auf, die die sogenannte "Theologie der Befreiung" hervorbringt und revolution‰r-marxistische Bestrebungen mit katholischen verbindet, wie es sinnbildlich in der Figur des Priesters und Guerilleros Camilo Torres geschieht (Ergebnis des Modernisierungseffekts des II. Vatikanischen Konzils auf Lateinamerika).

Mit ein wenig ‹bertreibung kann man behaupten, da_ das Jahr 1968 in Lateinamerika die eindeutigen Anzeichen der bevorstehenden Niederlage aufweist. W‰hrend die lange Welle der europ‰ischen 1968-Bewegung die ganzen siebziger Jahre lang andauert und es zumindest vermag, eine "passive Revolution" (Wandel der Lebensstile und der vorherrschenden Kulturmodelle) hervorzurufen, sind in Lateinamerika die siebziger und achtziger Jahre vor allem "schwarze Jahre", trotz des Sieges der sandinistischen Revolution 1979 in Nicaragua. Der Kapitalismus-Imperialismus beherrscht erneut den gesamten Kontinent, obwohl es ihm nicht gelingt, den isolierten Widerstand Kubas zu brechen, das mit Hilfe Moskaus in einer Art von goldenem K‰fig ¸berlebt. Die betr‰chtliche Wirtschaftshilfe aus den L‰ndern des "realen Sozialismus" ermˆglicht es Kuba, dem von der US-Regierung 1962 einseitig verh‰ngten Embargo standzuhalten.

 

www.media68.com | february 1998