In
Lateinamerika stellt das Jahr 1968 keine Grenzscheide dar, wie es in Europa und
in den USA der Fall ist. In
den zwˆlf Monaten dieses Jahres kommen keine neuen gesellschaftlichen Subjekte,
neue Themen und neue Hauptfiguren auf (obwohl das verbindende Element mit der
Achtundsechzigerbewegung in anderen L‰ndern in der Rolle der Studenten gesehen
werden kann sowie im ‹bergang von der zentralen Rolle der l‰ndlichen Gebiete
zu der zentralen Rolle der St‰dte). Es gibt kein "vorher" und "nachher",
sondern vielmehr die Fortsetzung von Prozessen, die in Lateinamerika Anfang der Mit
der kubanischen Revolution zeichnet sich zum ersten Mal in Lateinamerika die Mˆglichkeit
ab, den Sozialismus als Alternative zur alten, bei den linken Parteien
vorherrschenden Idee aufzufassen, der zufolge erst eine b¸rgerliche Revolution
nˆtig war, bevor man an weiter fortgeschrittene Ziele denken konnte. Der
Tod des Che 1967 l‰_t erkennen, was in der darauffolgenden Zeit
geschehen sollte: Die Niederlage in Bolivien beendet symbolisch die Hoffnung auf
eine schnelle Verbreitung siegreicher Guerillak‰mpfe in anderen L‰ndern
Lateinamerikas (Guevara dachte daran, von Bolivien nach Peru zu gehen und dann
nach Argentinien), die das kubanische Einschwenken auf den Moskauer Kurs
vermeiden und die Mˆglichkeit einer Befreiung dieser Weltgegend vergrˆ_ern h‰tten
kˆnnen. Wie es in den vorhergehenden Jahren geschehen war (Milit‰rdiktatur in
Brasilien ab 1964), zieht sich die Kraftprobe zwischen Guerillas und Repression
in Form von Putschen und Unterwerfung der wenigen Zivilregierungen unter das
Kommando der an Washington gebundenen Oligarchien bis zum symbolischen Datum des
11. September 1973 hin, als der Staatsstreich des Generals Augusto Pinochet in
Santiago de Chile beweist, da_ der Sozialismus nicht schmerzlos zu erreichen ist,
weder mit den Theorien der "Guerilla-Herde'
noch mit den vom Pr‰sidenten Salvador Allende befolgten parlamentarischen
Methoden. Wenn
man die Ereignisse des Jahres 1968 in Lateinamerika betrachtet, so stellt man
fest, da_ die bezeichnendsten Geschehnisse Teil dieser erbarmungslosen
Kraftprobe sind. Am 16. Januar tˆtet in Guatemala-City eine Gruppe Guerilleros
der FAR-Bewegung zwei Offiziere der in dieser Hauptstadt bestehenden
amerikanischen Kommandostelle: die Vereinigten Staaten werden f¸r die Ermordung
von mindestens 4000 Guatemalteken innerhalb weniger Jahre verantwortlich gemacht.
Die Antwort auf die Guerilla-Aktion ist der Belagerungszustand im gesamten Land.
Im Juni bricht in Argentinien eine
Revolte aus, w‰hrend die Regierung den Jahrestag des Staatsstreichs des
Generals Juan Carlos OnganÌa feiert: Allein in Buenos Aires werden 500 Personen
verhaftet. Am 13. Juni verk¸ndet Pacheco Areco, der Pr‰sident Uruguays,
die Beschr‰nkung der zivilen Freiheiten; die Tupamaros-Bewegung
verl‰_t den Boden der Legalit‰t und w‰hlt den Guerillakrieg; Feuergefechte
und demonstrative Aktionen dauern das ganze Jahr 1968 ¸ber an. Am 28. Juli
bricht die Studentenrevolte in Mexiko-City aus,
die Polizei geht mit Bazookas und Panzern vor. Am 21. September kommt es in der
mexikanischen Hauptstadt zu neuen Unruhen: 736 Personen werden verhaftet. Am 30.
September wird die Vera-Cruz-Universit‰t in Mexiko besetzt. Am 3. Oktober
setzen in Peru die Milit‰rs die Zivilregierung des Pr‰sidenten Belaunde
Terry ab. Am selben Tag werden in Mexiko-City, auf dem Platz der drei
Kulturen, 10.000 Studenten von der Polizei angegriffen,
die das Feuer mit Maschinengewehren erˆffnet: Es gibt ¸ber 300 Tote. Am 12.
Dezember wird der Pr‰sident Arias von Panama durch einen Putsch gest¸rzt. Am
14. Dezember versch‰rft die Milit‰rregierung in Brasilien erneut
die Repression (ein Putsch im Putsch): 3000 Personen werden verhaftet und ihrer
politischen Rechte beraubt; der Pr‰sident Costa e Silva hebt die verfassungsm‰_igen
Rechte auf. Die
Theorien vom "Guerillaherd" sind
eine Antwort auf die neu entstandenen sozialen Probleme Lateinamerikas und
machen die Schw‰che der marxistischen Analysen hinsichtlich dieses Weltteils
klar, die nicht die besonderen Umst‰nde ber¸cksichtigen, unter denen sich die
Nationalstaaten gebildet haben. Auch Karl Marx selber hatte in seinen wenigen
Schriften zu diesem Thema von "Nationen ohne Geschichte" gesprochen, w‰hrend
es in jenen L‰ndern die Milit‰rs gewesen sind, die die Grenzen gezogen haben.
Sie strebten dabei nach der Schaffung von nationalen M‰rkten, wo spezifische
Formen von populistischem "Caudillismo" mangels Alternativen Erfolg
haben konnten (der exemplarische Fall ist der Juan Domingo PerÛns und seines
"Peronismus" in Argentinien). Auch das Lateinamerika der sechziger
Jahre entzieht sich den marxistischen
Interpretationsmodellen, sowohl denen, die sich auf die "Kolonialfrage"
beziehen, als auch denen, f¸r die die Verwirklichung der industriellen
Revolution eine notwendige ‹bergangsphase ist, bevor an weitergehende
Organisations- und Kampfformen gedacht werden kann. Der Fall Kubas, mit der
Guerillamethode, tendiert dazu, beispielhaft zu werden, weil die Revolution
Castros dank der Auflˆsung der Armee hatte siegen kˆnnen.
Aber es sollte sich zeigen, da_ dieser Umstand die Ausnahme und nicht die Regel
darstellte (der "Castrismus" bleibt eine Verschmelzung sui generis von
Nationalismus und humanistischem Sozialismus). Die jungen Anf¸hrer, die
versuchen, dem kubanischen Beispiel zu folgen, kommen in der Tat von der Krise
der nationalistischen Bewegungen oder von kleinen Abspaltungen der moskautreuen,
kommunistischen Parteien her. 1968
treten in Lateinamerika einige langanhaltende Prozesse ein: Das demographische
Wachstum (aus den 209 Millionen Einwohner von 1960 sind fast 275 Millionen
geworden); die Landflucht gro_er Anteile der Bevˆlkerung; die Verarmung der
Mittelschicht, die die Bandbreite der Ausgrenzung vergrˆ_ert; die
Mittelschichten nehmen quantitativ zu, aber haben letztendlich ein qualitativ
geringeres Gewicht im Gesamtbereich der Gesellschaft; die steigende Abh‰ngigkeit
der neuen Oligarchien von der Wirtschaft der Vereinigten Staaten, gegen¸ber dem
in den f¸nfziger Jahren verbreiteten Populismus. Die Verarmung des Kontinents
als struktureller Faktor erkl‰rt sich au_erdem durch die Abh‰ngigkeit vom
internationalen Markt und mit der Unf‰higkeit, die industriellen
Infrastrukturen zu modernisieren, um mit der Weltwirtschaft Schritt zu halten.
Typisch ist das Problem der Landwirtschaft, die nur den gro_en Landbesitzern die
Erzielung von ansehlichen Gewinnen erlaubt. Au_erdem entwickelt sich die
Staatsindustrie nicht in Konkurrenz zur privaten. Das lateinamerikanische Puzzle
am Ende der sechziger Jahre weist eine interessante theoretische Frage auf, die
bis zu den neunziger Jahren bestehen bleibt: Trotz der Verbindungen mit der
Wirtschaft und der Politik Washingtons gelingt es nicht, fortgeschrittene Formen
kapitalistischer Entwicklung zu produzieren, nicht einmal in den gro_en Staaten
Mexiko, Argentinien und Brasilien. Die Unterentwicklung h‰ngt von der
Entwicklung der USA ab, der sie n¸tzlich ist. In den darauffolgenden Jahren
sollte die Abh‰ngigkeit noch wachsen und die ma_lose Verschuldung der
einzelnen Staaten zur Folge haben. So geraten alle Theorien ¸ber die schnelle
Entwicklung der industriell und sozial fortgeschrittensten L‰nder
Lateinamerikas in eine Krise. Das
Jahr 1968 weist in Lateinamerika alle Anzeichen dessen auf, was die Niederlage
der Ideen Guevaras anzeigen
sollte: Das Auftreten eines neuen (institutionellen und nicht an einen
"Caudillo" gebundenen) Militarismus, Isolierung der nationalen
Guerillabewegungen, Spaltungen in der traditionellen und der kommunistischen
Linken, auf der der Schatten des Bruchs in der kommunistischen Weltbewegung
infolge des Schismas zwischen Moskau und Peking lastete. Havanna
institutionalisiert und reguliert ¸berdies nach dem Tode Ches seine Revolution
und lockert die Beziehungen zu den Aufstandsbewegungen. Aber in dieser
Weltgegend taucht auch deutlich die "katholische Frage" auf, die die
sogenannte "Theologie der Befreiung" hervorbringt
und revolution‰r-marxistische Bestrebungen mit katholischen verbindet, wie es
sinnbildlich in der Figur des Priesters und Guerilleros Camilo Torres geschieht
(Ergebnis des Modernisierungseffekts des II. Vatikanischen Konzils auf
Lateinamerika). Mit
ein wenig ‹bertreibung kann man behaupten, da_ das Jahr 1968 in Lateinamerika
die eindeutigen Anzeichen der bevorstehenden Niederlage aufweist. W‰hrend die
lange Welle der europ‰ischen 1968-Bewegung die ganzen siebziger Jahre lang
andauert und es zumindest vermag, eine "passive Revolution" (Wandel
der Lebensstile und der vorherrschenden Kulturmodelle) hervorzurufen, sind in
Lateinamerika die siebziger und achtziger Jahre vor allem "schwarze Jahre",
trotz des Sieges der sandinistischen Revolution 1979 in Nicaragua. Der
Kapitalismus-Imperialismus beherrscht erneut den gesamten Kontinent, obwohl es
ihm nicht gelingt, den isolierten Widerstand Kubas zu brechen, das mit Hilfe
Moskaus in einer Art von goldenem K‰fig ¸berlebt. Die betr‰chtliche
Wirtschaftshilfe aus den L‰ndern des "realen Sozialismus" ermˆglicht
es Kuba, dem von der US-Regierung 1962 einseitig verh‰ngten Embargo
standzuhalten.
www.media68.com | february 1998
![]()
![]()
![]()
![]()
Die
"Dritte-Welt-Solidarit‰t" der Achtundsechzigerbewegung ist eine
europ‰ische Erfindung, die dazu neigt, den Hauptwiderspruch des
Kapitalismus-Imperialismus jener Phase in den unterentwickelten und sich gerade
emanzipierenden L‰ndern anzusiedeln (Algerien, Vietnam und Kuba sind drei
Symbole, die zum ersten Mal das in den Mittelpunkt des Weltgeschehens stellen,
was in Afrika, Asien oder Lateinamerika vor sich geht). Das erste wichtige
Ereignis dieses Jahres, das auch den Hˆhepunkt einer das ganze Jahrzehnt
andauernden, au_erordentlichen literarischen Bl¸te darstellt, ist der
Kulturkongre_, der vom 4. bis zum 11. Januar in Havanna stattfindet. In der
kubanischen Hauptstadt versammeln sich eine Woche lang Intellektuelle und
Vertreter der Befreiungsbewegungen aus der ganzen Welt. Die Tagung beginnt mit
der Verlesung einer Botschaft des franzˆsischen Philosophen Jean-Paul Sartre
und endet mit einem Beschlu_, bei dem die Aufgaben der Kulturschaffenden im
Dienst der entstehenden Revolutionen in der dritten Welt festgelegt werden. Der
Kongre_ "gr¸_t im Kommandanten Ernesto Che
Guevara das Beispiel eines revolution‰ren
Intellektuellen unserer Zeit, der ƒmter und Ehren verlie_, um f¸r jedes
unterdr¸ckte Volk auf der Erde zu k‰mpfen". Das ist die Best‰tigung
daf¸r, da_ Kuba
damals einen Bezugspunkt f¸r ganz Lateinamerika darstellte. Die Revolution von
1959, die 1961 f¸r "sozialistisch" erkl‰rt wurde, ist f¸r das
ganze Jahrzehnt ein Schl¸sselereignis, bis nach dem Tod Guevaras in Bolivien (am
9. Oktober 1967) langsam aber unaufhaltsam die Wendung zum "Mainstream"
der Sowjetunion und des "realen Sozialismus" erfolgt. Aber das Jahr
1968 in Kuba ist auch das der unerwarteten Unterst¸tzung der
sowjetischen Invasion Prags, die
das Ende einer Phase anzeigt, in der nach einer autonomen Strategie f¸r sich
und die anderen L‰nder Lateinamerikas gesucht wurde.
Den
Guerillabewegungen, die in verschiedenen Situationen versuchen, das nachzuahmen,
was Fidel Castro und Ernesto Guevara mit der Bewegung des 26. Juli in Kuba
gemacht haben, steht die Strategie der Vereinigten Staaten gegen¸ber, die ab
1962 - mit der von Pr‰sident John Fitzgerald
Kennedy beschlossenen "Alianza para el progreso"
- die vollst‰ndige Kontrolle ¸ber den lateinamerikanischen Kontinent zur¸ckzugewinnen,
indem sie ˆkonomische und finanzielle Hilfe an ihre politische Vormachtstellung
binden. Beinah alle Guerillabewegungen beziehen sich, als Antwort auf
Washington, auf die Ideen Guevaras und auf den theoretischen Text des Franzosen Regis
Debray, "Revolution in der
Revolution?": Die traditionelle Schw‰che der Demokratie und des B¸rgertums
in Lateinamerika wird als eine Chance betrachtet und nicht l‰nger als
ein Nachteil; die bevorzugte Handlungsmethode ist der bewaffnete Kampf.