Der
besondere Charakter der m‰chtigen Bewegung, die Japan 1968 erfa_te, beruht zum
Gro_teil auf der eigent¸mlichen Situation, die sich im Land nach der Niederlage
1945 entwickelt hatte. Die Entstehung und Entwicklung der Studentenbewegung war
im wesentlichen mit den Geschehnissen der amerikanischen Besatzungszeit
verbunden, mit der politischen Strategie der Kommunistischen Partei Japans und
mit dem Problem der Beziehungen zwischen Japan und den Vereinigten Staaten nach
der Wiederherstellung der Unabh‰ngigkeit.
Das mit der
Besetzung beginnende Programm einer demokratischen Umgestaltung stˆ_t schnell
an seine Grenze, als die Amerikaner sich weigern, das japanische Regime der
drei_iger Jahre als durchgehend faschistisch zu betrachten. Wie in Deutschland
regen auch hier geopolitische Erw‰gungen die Sieger
dazu an, die in der Vergangenheit wurzelnden autorit‰ren Strukturen nicht
anzutasten. F¸r die Vereinigten Staaten, die sich Sorgen ¸ber das Vordringen
des Kommunismus in Asien machten, gen¸gten die Verbreitung demokratischer Ideen,
die Einf¸hrung verfassungsm‰_iger Garantien und grundlegender politischer und
ziviler Rechte, um die japanische Gesellschaft ausreichend zu reformieren und zu
"befreien", ohne allzugro_e politische Beteiligung des Volks. Diese
Demokratie war sehr schwach und beschr‰nkt in einem Land, in dem sich w‰hrend
des Kriegs keinerlei Form von Widerstand ge‰u_ert hatte, und wo der wahre
Angelpunkt des vorherigen Regimes, die B¸rokratie, von den S‰uberungen nur
gestreift worden war. 1948
verwandelt sich Japan, aufgrund des vorhersehbaren Sieges der chinesischen
Kommunisten im nationalen Befreiungskampf, f¸r die USA von einem Feind in einen
potentiellen Verb¸ndeten auf dem entscheidenden asiatischen Schauplatz. Diese
"Kehrtwendung" wurde mit dem Beginn des Koreakriegs offensichtlich.
Andererseits verstanden es die Sozialistische und die Kommunistische Partei und
die Gewerkschaften - auch aufgrund der zahlreichen, von der Besatzungsmacht und
der japanischen Regierung gewollten Unterdr¸ckungsma_nahmen - weder,
erfolgreiche Strategien f¸r eine wirkliche Erweiterung der Demokratie zu
erarbeiten, noch, gemeinsame politische Ziele festzulegen. 1958
greift das Erziehungsministerium zu repressiven Ma_nahmen gegen die Lehrer der
Nikkyoso-Gewerkschaft, die gegen die autorit‰ren Strukturen und die Beschr‰nkungen
der Freiheit in den Schulen k‰mpfen. Nur die Studentenorganisationen ergreifen
Partei f¸r die Lehrer, w‰hrend die Kommunistische Partei und die gro_en
Gewerkschaften neutral bleiben. Nach dem Bruch der jugendlichen und radikaleren
Linken mit der Kommunistischen Partei, verlieh eine st‰rkere Verankerung der
Studentengruppen der Nationalen Studentenliga (Zengakuren) neuen Elan. Diese sah
im autorit‰ren Reorganisierungsproze_ des japanischen Kapitalismus und in
seinem B¸ndnis mit dem amerikanischen Imperialismus die Haupthindernisse f¸r
eine wirkliche Demokratisierung der japanischen Gesellschaft.
Zwischen 1959
und 1960 entwickelt sich so der Kampf gegen den neuen Vertrag mit den
Vereinigten Staaten. Nach der Niederlage in dieser Schlacht kommt es innerhalb
der Bewegung zu Spaltungen und Austritten, aber Zengakuren versucht - ohne auf
die Zentralrolle der antiimperialistischen Thematik zu verzichten (in der
zweiten H‰lfte der sechziger Jahre intensiviert sich die Mobilisierung gegen
die Beteiligung der japanischen Regierung am Vietnamkrieg)
- ihren Kampf an die die japanische Gesellschaft durchziehenden Widerspr¸che zu
kn¸pfen: Sie klagt, als eine echte Pionierleistung, die durch die industrielle
Umweltverschmutzung verursachten Umweltsch‰den an und unterst¸tzt den Protest
der f¸r die Errichtung des neuen internationalen Flughafens von Tokyo
enteigneten Bauern von Narita.
Die "Enterprise"
geht vor der japanischen K¸ste vor Anker. Im M‰rz wird der im Bau befindliche
Flughafen von Narita das Zentrum einer regelrechten Schlacht zwischen Studenten
und der Polizei, w‰hrend die Bewegung gegen die US-Intervention in Vietnam
sich immer mehr ausbreitet. Japan ist unmittelbares Hinterland der Invasion. Vom
St¸tzpunkt in Okinawa starten die bombenbeladenen amerikanischen B52 in
Richtung Nordvietnam. Im Februar verwandelt sich eine Studentendemonstration vor
der Okinawa-Basis in heftige Zusammenstˆ_e mit der Polizei.
Ohne seine
sehr starke allgemeinpolitische Ausrichtung zu verlieren, die von der Eskalation
des amerikanischen Eingreifens in Vietnam gesch¸rt
wird, richtet sich der Studentenprotest am Ende des Fr¸hjahrs massiv auf die
Schulen und Universit‰ten und ruft ein ungest¸mes Wachstum der Bewegung
hervor. Die bereits von den Studenten gebildeten Gruppen rufen ihre Kollegen zum
Kampf gegen die geplante Erhˆhung der bereits ‰u_erst hohen Studiengeb¸hren
auf, gegen eine Organisation der Lehre und der Forschung, die vollkommen der
Systemlogik und den starren Werten des japanischen Kapitalismus untergeordnet
ist, und gegen die harte Auslese, die den Zugang zur Universit‰t regelt (eine
m‰chtige Klassenbarriere). Das Studium an einer angesehenen Universit‰t
erlaubt es in der Tat, sich auf dem hˆchsten Niveau in die Arbeitswelt einzuf¸gen,
aber um sich dort einschreiben zu kˆnnen, mu_ der Student sich oft ein oder
zwei Jahre nach dem Gymnasium darauf vorbereiten, und vor allem die Mittel haben,
das zu tun.
Der
Protest und die Besetzungen breiten sich aus, und es entsteht das Zenkyoto (Interuniversit‰res
Kampfkomitee), dem Assistenten, nichtlehrendes Personal und einige Professoren
von mehr als zweihundert Universit‰ten beitreten. Die Front erweitert sich,
und im Sommer setzen im ganzen Land die Vietnamdemonstrationen wieder ein, mit
Zusammenstˆ_en, Verhaftungen und Verletzungen. Der Hˆhepunkt wird im Oktober
mit einem regelrechten "Angriff auf Tokyo" erreicht. Die
Studentenbewegung, der sich dieses Mal auch die Arbeiter anschlie_en, greift das
Parlament, die amerikanische Botschaft und das Polizeipr‰sidium an; der
Shinjuku-Bahnhof, Symbol des Systems, den jeden Tag mehr als eine Million
Personen benutzen, wird besetzt. In mehr als 300 japanischen Orten finden
Demonstrationen statt. Nach drei Tagen ‰u_erst heftiger Stadtguerilla gelingt
es der Polizei, die Demonstranten zu besiegen, und die Studenten sind gezwungen,
sich in die Universit‰ten zur¸ckzuziehen. Mitte Januar 1969 f‰llt das
letzte Bollwerk, das noch in der Hand der Bewegung war, die Universit‰t Tokyo.
Ab diesem Augenblick beginnt die langsame, aber unaufhaltsame "Umstrukturierung"
der japanischen Gesellschaft.
Die repressiven Ma_nahmen der B¸rokratie
sind ‰u_erst hart und systematisch. Allein 1969 verlangt das
Erziehungsministerium 350 Polizeieins‰tze gegen Universit‰ten "im
Aufruhr". In den darauffolgenden Jahren wird der Konsens geschickt um
nationale Ziele herum wieder aufgebaut (in erster Linie der wirtschaftliche
Aufstieg Japans und seine brillanten technologischen Leistungen) und die
Mehrheit der B¸rger so zu den Stereotypen der "sozialen Harmonie" und
zu einer sprichwˆrtlich gewordenen Produktionsdisziplin zur¸ckgef¸hrt.
Die antiamerikanischen Gef¸hle
schlagen den Weg der kapitalistischen Konkurrenz ein, und die Protestbewegung
erleidet eine starke Isolierung.
www.media68.com | february 1998
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Dieses
Erbe sollte auch nach 1952 weiter wirken, als das Land seine Unabh‰ngigkeit
wiedergewann. In diesem Zusammenhang entsteht die japanische neue Linke, etwa
zehn Jahre vor der Explosion von 1968.
Diese
Themen zeichnen, zusammen mit der antiimperialistischen Mobilisierung, die
japanische Achtundsechzigerbewegung aus. Im Januar kommt es zu heftigen
Zusammenstˆ_en zwischen Studenten und der Polizei, erst in Tokyo, dann in
Sasebo, anl‰_lich der Ankunft des amerikanischen atombetriebenen Flugzeugtr‰gers
"Enterprise". Die Zengakuren belagern die amerikanische Basis, und
einer Gruppe gelingt es sogar, in sie einzudringen.
