Die Achtundsechzigerbewegung beginnt in Italien schon einige Monate vor dem Beginn des Jahres 1968 und zieht sich weit¸ber den 31. Dezember hinaus.

 

Die in diesem Jahr beginnende tiefgehende Umw‰lzung sollte in der Tat mehr als zehn Jahre dauern und mit einer radikalen, weitreichenden Modernisierung des Landes einhergehen.

 

Die Studenten legen die Lunte an Pulverfa_. Im Herbst 1967 besetzen sie die Hochschulen der wichtigsten St‰dte Nord- und Mittelitaliens, mit Ausnahme Roms.

 

Die Protestbewegung richtet sich vor allem gegen die Klassenstruktur des Bildungssystems - das auch von einem Teil der Katholiken angegriffen wird, seit Don Lorenzo Milani seine strenge Anklageschrift Brief an eine Lehrerin verˆffentlicht hat - und die akademische autorit‰re Struktur, die als eine Vorbereitung auf eine globale Passivit‰t und Willf‰hrigkeit aufgefa_t wird, die sich nicht auf die Universit‰tsmauern beschr‰nkt.

 

Die Kritik der Studentenbewegung, deren theoretische Haupttexte an den Universit‰ten Pisas, Turins und Trients erarbeitet werden, richtet sich ebenso sehr gegen das kapitalistische System wie gegen die linken Organisationen, denen vorgeworfen wird, auf jedes Streben nach einer radikalen Ver‰nderung des Bestehenden verzichtet zu haben.

 

Angesichts der immer h‰ufiger vorkommenden Besetzungen rufen die Rektoren die Polizei. Besetzungen, R‰umungen und neue Besetzungen folgen aufeinander. In Turin wird der Palazzo Campana, Sitz der geisteswissenschaftlichen Fakult‰ten, mehrmals ger‰umt und erneut besetzt; diese Kraftprobe endet mit einem Hagel von Anzeigen gegen die Besetzer.

 

Am 2. Februar wird die rˆmische Universit‰t besetzt, die grˆ_te Italiens.

Am Ende des Monats ruft der Rektor D'Avack die Polizei.

Am Tag danach, dem ersten M‰rz, erreicht ein Protestumzug Valle Giulia, Sitz der Architekturfakult‰t, und durchbricht die Polizeiabsperrungen. Die Zusammenstˆ_e dauern Stunden. Die Resonanz ist enorm. Sonderausgaben der Zeitungen sprechen von einer "Schlacht". Mit den Ereignissen der Valle Giulia verschiebt sich die Studentenbewegung endg¸ltig von der Ebene eines Universit‰tsprotestes auf die eines frontalen Zusammenpralls mit der gesamten gesellschaftlichen Ordnung.

 

In dieser Bewegung flie_en die verschiedenen Strˆmungen des kritischen Denkens und des Gesellschaftsprotestes zusammen, die die sechziger Jahre auszeichnen:

Die Arbeit der nicht-institutionellen linken Zeitungen und die der verschiedenen Gruppen abweichender Katholiken; die von der Frankfurter Schule und Herbert Marcuse in seinem ber¸hmten Der eindimensionale Mensch erarbeitete Kritik an der Konsumgesellschaft und die Anf‰nge der Dritte-Welt-Solidarit‰t, ausgelˆst von den Befreiungsk‰mpfen der ehemaligen Kolonialvˆlker und dem Vietnamkrieg; die von Franco Basaglia im Gˆrzer Krankenhaus durchgef¸hrte Antipsychiatrie und die liberale Jugendbewegung, die sich in den Jahren des italienischen Beat entwickelt hat.

 

Anf‰nglich weniger sichtbar, aber dazu bestimmt, sich in den darauffolgenden Jahren immer mehr zu verbreiten und schlie_lich die gesamte politische Sto_richtung der Bewegung in Frage zu stellen, ist die besondere Version des Feminismus, den einige italienische Intellektuelle entwickelt haben.

 

Die un¸bersehbar linksextreme Ausrichtung der Studentenbewegung entfesselt die Neofaschisten. Am 16. M‰rz greifen sie unter der F¸hrung der MSI-Abgeordneten Anderson und Caradonna die Literaturfakult‰t in Rom an. In die Flucht geschlagen, verbarrikadieren sie sich in der Jurafakult‰t und werfen Schr‰nke und B‰nke aus den Fenstern.

Einer der F¸hrer der Studentenbewegung, Oreste Scalzone, wird schwer verletzt.

Der Studentenprotest findet bei den Regierungsparteien keinerlei Gehˆr. Seit f¸nf Jahren ist in Italien eine Mitte-Links-Regierung an der Macht, die auf dem B¸ndnis zwischen DC und PSI beruht und schnell die urspr¸nglichen Reformversprechungen beiseite gelegt hat. Die linken Parteien, die PCI (KPI) und die PSIUP, kommen hingegen der Bewegung entgegen. Es handelt sich aber nur um einen kurzen Flirt. Die PCI blickt in der Tat erst mit wachsendem Mi_trauen, dann mit offener Feindschaft auf eine Bewegung, die sich weigert, ihre F¸hrung zu akzeptieren. Bei den im Mai abgehaltenen Parlamentswahlen erzielt die PCI einen leichten Zuwachs, und die neu entstandene PSIUP, die den Gro_teil der Stimmen der Bewegung auf sich zieht, verzeichnet einen betr‰chtlichen Erfolg. Eine Niederlage erleiden hingegen die Sozialisten, die mehr als f¸nf Prozent verlieren, w‰hrend der Stimmenanteil der DC beinah unver‰ndert bleibt.

 

Das Protestklima erreicht auch die gro_en Fabriken in Norditalien, aber noch nicht zur G‰nze.

 

Im April schlagen sich in Valdagno die Textilarbeiter mit der Polizei und st¸rzen die Statue des Dynastie- und Betriebsgr¸nders Marzotto um.

 

Im Sommer kommt es zu einem erbitterten Arbeitskonflikt in der petrolchemischen Fabrik in Porto Marghera. Im Oktober entsteht bei Pirelli in Mailand das CUB (Comitato unitario di base = Einheitliches Basiskomitee), die erste autonome Arbeiterstruktur, die frei von der Leitung durch die Gewerkschaften ist.

 

Noch wichtiger ist es, da_ am 7. M‰rz ein von den Gewerkschaften ausgerufener Generalstreik zum ersten Mal seit Jahren eine massive Beteiligung der Arbeiter der FIAT aufweist, des bedeutendsten Industriebetriebs des Landes.

 

Im Sommer, als die Universit‰ten schlie_en, verschiebt sich der Protest auf das Gebiet der Kulturinstitutionen.

 

K¸nstler und Studenten unterbrechen die Biennale und das Kinofestival in Venedig.

 

Im Herbst treten die Sch¸ler auf den Plan, die ¸berall ihre Schulen besetzen und die Stra_en mit gro_en Umz¸gen f¸llen.

Am 3. Dezember demonstrieren in Rom 30.000 Sch¸ler.

 

Zu dem Protest gegen die Schulordnung kommt der gegen die Polizei, die am Tag zuvor in Avola auf Sizilien das Feuer auf eine Tagelˆhnerdemonstration erˆffnet hat, wobei zwei Menschen getˆtet wurden.

Das Jahr 1968 geht blutig zu Ende.

 

In der Neujahrsnacht protestieren die Studenten und Sch¸ler Pisas gegen ein Luxusfest gegen¸ber dem Lokal "La Bussola" in Versilia. Ein Gast schie_t und verletzt den sechszehnj‰hrigen Soriano Ceccanti, der gel‰hmt bleibt.

 

1969 sind es die Arbeiter, die daf¸r sorgen, da_ die Studentenbewegung nicht verebbt wie im Rest Europas.Im Mai und Juni legt eine Reihe spontaner und improvisierter, au_erhalb der gewerkschaftlichen Kontrolle ausgerufener Streiks die Produktion der FIAT f¸r mehr als f¸nfzig Tage lahm. Die Hauptakteure sind die weniger qualifizierten und weniger gewerkschaftlich organisierten, oft aus dem S¸den eingewanderten Arbeiter, die eine gemeinsame Versammlung mit den Studenten einberufen. Die Radikalit‰t des Zusammensto_es wird offensichtlich, als am 3. Juli, bei Gelegenheit eines st‰dtischen Generalstreiks, die Turiner Arbeiter sich 24 Stunden lang mit der Polizei messen.

 

Der Konflikt setzt im Herbst in gro_em Stil wieder ein, als die Arbeitsvertr‰ge auslaufen, die mehr als f¸nf Millionen Arbeiter betreffen.

 

Der hei_e Herbst stellt den Augenblick des grˆ_ten sozialen Konflikts im Nachkriegsitalien dar. Die Arbeiter verwerfen die Unterteilung der Arbeitskr‰fte in unterschiedlich qualifizierte Schichten und verlangen, da_ der Lohn von der Produktivit‰t abgekoppelt wird.

 

In diesen Monaten entstehen die wichtigsten Gruppen der au_erparlamentarischen Linken, w‰hrend die Gewerkschaften, die anfangs vom Ausma_ der Arbeiterunruhen ¸berrascht wurden, einheitliche Basisstrukturen ins Leben rufen, die Fabrikr‰te.

In einem beispiellos aufgeheizten Klima tˆtet am 12. Dezember in Mailand eine in der Banca Nazionale d'Agricoltura an der Piazza Fontana gelegte Bombe zwˆlf Personen.

 

Das ist der Beginn der Strategie der Spannung und des Terrors, einer blutigen Kette von Anschl‰gen, die w‰hrend der ganzen siebziger Jahre andauert und deren Verantwortliche nie entdeckt werden. Unter dem Eindruck des Mail‰nder Attentats, f¸r das eine Gruppe sp‰ter freigesprochener Anarchisten verantwortlich gemacht wird, werden die Arbeitsvertr‰ge vor Jahresende unterschrieben. Aber nicht einmal so wird den gesellschaftlichen Konflikten ein Ende gesetzt.

 

In den siebziger Jahren dehnen sich diese noch weiter aus und umfassen schlie_lich, neben den Arbeitern und Studenten, praktisch alle Bereiche der Zivilgesellschaft.

 

www.media68.com | february 1998