F¸r den griechischen Obersten Georgios Papadopoulos ist der August 1968 der erste Ferienmonat, seit er ein Jahr vorher mit einem Staatsstreich die Macht ergriffen hat.

 

Einige Monate vorher hatte er in einem Interview das politische Programm der Milit‰rjunta so zusammengefa_t: "Das Endziel der Revolution vom April 1967 ist es, einen Sprung nach vorne in Richtung des Fortschritts zu machen; dieser Schritt kann nicht ohne eine Beseitigung jeder Neigung zum Parlamentarismus vollzogen werden".

 

Um dieses Ergebnis zu erreichen, hat die Milit‰rjunta eine Gruppe getreuer Juristen zusammengestellt, die die griechische Verfassung ver‰ndern und so ihre Macht konsolidieren soll.

 

Das Attentat auf Papadopoulos, das am 13. August eine Gruppe junger Mitglieder der Zentrums-Union unter der Leitung von Alexandros Panagulis ver¸bt hat, ¸berrascht durch seine K¸hnheit die politische Polizei, die davon ¸berzeugt war, nach den Massenverhaftungen der letzten Monate die Opposition neutralisiert zu haben. Das Attentat scheitert. Panagulis und einer seiner Genossen werden verhaftet; aber der Glaube der Milit‰rs, das Land "normalisiert" zu haben, hat sich als eine Illusion erwiesen. Au_erdem gibt es keinen wirtschaftlichen Fortschritt, obwohl die Milit‰rs alles getan haben, um ausl‰ndisches Kapital nach Griechenland zu locken.

  

 

Der Staatsstreich von 1967 hat nicht die Probleme dieses Landes gelˆst, das immer zwischen R¸ckst‰ndigkeit und autorit‰rer Modernisierung schwankte. Seit dem Ende des B¸rgerkriegs haben sich an der Macht Milit‰rjuntas und schwache, nur durch den Kˆnig legitimierte Regierungen abgewechselt. Am politischen Leben nehmen nur wenige Parteien teil, und eine Gewerkschaftsaktivit‰t an den Arbeitspl‰tzen gibt es kaum. Sicher, die bis zum Staatsstreich geltende Verfassung machte aus Griechenland eine "demokratische Monarchie", in der die Unterscheidung zwischen legislativer, exekutiver und legeslativer Macht gilt, aber in der der Kˆnig weitgehende Einflu_mˆglichkeiten auf die Regierung hat; au_erdem sind die zivilen, politischen und gewerkschaftlichen Freiheiten zwar garantiert, aber das Streikrecht ist an die "nationale Sicherheit" gebunden, w‰hrend die Pressefreiheit bis zu den sechziger Jahren starken Beschr‰nkungen unterworfen bleibt. Die einzig starke Macht ist die Armee, die sich selbst als die Wache betrachtet, die die Werte des ewigen Griechenlands garantiert.

Bei Beginn der sechziger Jahre blieb die Armee allerdings neutral bei dem kurzen Zwischenspiel, der von dem Konservativen Karamanlis gebildeten Regierung, die bis 1963 im Amt bleibt, als sie auf Druck von Kˆnig Konstantin abtreten mu_. Die Gr¸nde, die den Monarchen dazu zwingen, den Regierungschef zu entlassen, sind dieselben wie schon fr¸her: Die Korruption des Regierungsapparats und die Streitigkeiten zwischen den Regierungsmitgliedern. Aber dieses Mal gibt es einen weiteren: Das von den neuen politischen Organisationen vorgebrachte Verlangen nach grˆ_erer Demokratie, das eine R¸ckkehr der Milit‰rs zur Macht "wenig ratsam" erscheinen l‰_t. Zwischen dem Ende der f¸nfziger und dem Anfang der sechziger Jahre hat sich die griechische politische Landschaft in Eile gewandelt. Die ERE hat sich gebildet, eine konservative Partei, die trotzdem an den demokratischen Fortschritt glaubt; Georgios Papandreu hat die Zentrums-Union gegr¸ndet, w‰hrend eine linke Gruppe namens EDA entstanden ist, die Sozialisten und Kommunisten vereinigt, obwohl letztere seit 1949 "illegal" sind.

Aber die grˆ_ten Ver‰nderungen sind in der Sozialstruktur geschehen. Die inneren Wanderungsbewegungen haben aus Athen in jeder Hinsicht eine Gro_stadt gemacht, und in den griechischen St‰dten hat sich ein Mittelstand herausgebildet, der, mit nach und nach immer radikaleren Positionen, eine Modernisierung des Landes im Rahmen demokratischer Institutionen will. Eine weitere Folge der Verst‰dterung ist das Bildungsniveau vieler Jugendlicher, die zum ersten Mal in der Geschichte des modernen Griechenlands an die hˆheren Schulen und die Universit‰ten gelangen und die, frei von der Erinnerung an den B¸rgerkrieg, die das politische Leben des Landes gel‰hmt hatte, die Protagonisten des ˆffentlichen Lebens bis zum Staatsstreich geworden sind. Es waren in der Tat die Studenten, die 1963 Protestdemonstrationen abhielten nach der Ermordung des jungen Kommunisten Gregori Lambrakis durch die Polizei. Diese Mobilisierung f¸hrte zum Sturz der Regierung, zu vorgezogenen Parlamentswahlen und zum Sieg von Georgios Papandreus Zentrums-Union, einer heterogenen politischen Organisation, die Sozialisten, Gem‰_igte und Liberale zusammenfa_te. Aber ab dem Amtsantritt der neuen Regierung radikalisieren sich die politischen und sozialen Kontraste: Kˆnig Konstantin spricht sich mehrfach gegen die Regierung aus, das Eingreifen der Polizei bei den Demonstrationen der Zentrums-Union oder der EDA ist arrogant und provokatorisch. Die Armee verh‰lt sich zwar neutral, aber bei mehr als einer Gelegenheit erkl‰ren einige Offiziere, da_ sie nicht "unt‰tig der Ausbreitung des Chaos und der Anarchie zusehen werden".

Au_erdem ist die politische B¸hne Griechenlands in Aufruhr. Die Absicht der Regierung, den Verteidigungsminister und den Generalstabschef der Armee abzusetzen, wird vom Kˆnig abgelehnt, der Neuwahlen ausruft, w‰hrend die Stra_en Athens, Salonikis und der anderen griechischen St‰dte Schauplatz von Demonstrationen und wiederholten Zusammenstˆ_en zwischen Studenten und der Polizei werden. Die Zentrums-Union spaltet sich, Papandreu verliert die Parlamentsmehrheit, und es werden Neuwahlen ausgerufen.

Kˆnig Konstantin erkl‰rt, da_ die Verfassung ge‰ndert werden mu_, um die Macht der Exekutive zu st‰rken und um die zivilen und politischen Freiheiten dem sozialen Frieden unterzuordnen. Im M‰rz 1967, einen Monat vor dem Staasstreich, erscheint die von Georgios Papandreus Sohn Andreas herausgegebene Zeitung "Etnos" mit der Schlagzeile: "Wir werden eine Revolution auslˆsen, wenn man versuchen sollte, die Verfassung zu verletzen", w‰hrend die gem‰_igtere "Ta Nea" schreibt: "Wenn der Kˆnig den Staasstreich w‰hlt, bleibt als einzige Lˆsung die Revolution". In diesem Klima organisieren am 21. April 1967 Georgios Papadopoulos, Stylianos Pattakos und Nikola Makarezos den Staatsstreich.

 

Die drei Milit‰rs erkl‰ren ihre Treue zum Kˆnig, verk¸ndigen, da_ die Chefs der wichtigsten Parteien unter Hausarrest stehen und da_ der Putsch im Lande unblutig gewesen ist.

 

Trotzdem werden Tausende von Personen auf die Inseln Yaros und Leros deportiert, darunter zahlreiche Intellektuelle wie der ber¸hmte Komponist Mikis Theodorakis.

 

Derweilen werden alle von der Regierung Papandreu durchgef¸hrten Reformen abgeschafft und die Pressefreiheit und die politischen Freiheiten aufgehoben. "Wir wollen das Griechenland der christlichen Griechen retten" ist der Slogan der Milit‰rjunta, und ihre erste Ma_nahmen sind das Verbot langer Haare f¸r die M‰nner und der Hosen f¸r die Frauen und die Wiedereinf¸hrung des archaisierenden Griechisch als Amtssprache.

 

Aber die meisten europ‰ischen L‰nder haben den Putsch verurteilt, und nach monatelangen Anhˆrungen, bei denen die Folter und die Verletzungen der Menschenrechte blo_gestellt werden, wird Griechenland am 31. Januar 1968 nach einer aufsehenerregenden Abstimmung aus dem Europarat ausgeschlossen, obwohl die Vereinigten Staaten das Putschistenregime anerkennen.

F¸r die Milit‰rjunta bedeutet das eine Niederlage. Die Ausarbeitung der neuen Verfassung wird beschleunigt und dann einer Volksabstimmung unterbreitet. In diesem Klima organisiert Alexandros Panagulis sein Attentat auf Papadopoulos. Trotz seinem Scheitern verwandelt sich das Attentat in einen Anklageakt gegen das Milit‰rregime, der ein weites internationales Echo findet. W‰hrend des Prozesses stellt Panagulis den systematischen Gebrauch der Folter und die Verwicklung der NATO in den Staatsstreich unter Anklage. Der junge Grieche wird zum Tode verurteilt; aber die Strafe wird nie vollstreckt, sondern Panagulis stattdessen des Landes verwiesen dank des internationalen Drucks, der seine Freilassung forderte.

Die internationale Isolierung Griechenlands wird von Kˆnig Konstantin als eine Gelegenheit betrachtet, um der Krone wieder ein grˆ_eres Gewicht im ˆffentlichen Leben zu verschaffen. Konstantin wurde nach dem Staatsstreich an den Rand gedr‰ngt, aber unterst¸tzte die Milit‰rjunta aufgrund des starken Drucks durch die US-Botschaft. In den darauffolgenden Monaten versuchte er jedoch, einen Gegenputsch gegen die Junta von Papadopoulos, Pattakos und Makarezos zu organisieren. Es fand aber nur eine ˆffentliche Erkl‰rung Konstantins gegen die Junta statt. Am 13. Dezember floh er aus Griechenland. So sind die Milit‰rs alleinige Herren der Lage geblieben. Das zur Best‰tigung der neuen Verfassung angesetzte Pseudo-Referendum vom September 1968 geht in ein Plebiszit zu ihren Gunsten aus. F¸r die regierenden Obristen bedeutet das, da_ in Griechenland "Ordnung herrscht" und da_ viele Oppositionelle freigelassen werden kˆnnen, auch wenn der Sprecher der Obristen bedauert, da_ einige Oppositionsf¸hrer trotzdem in Hausarrest bleiben m¸ssen, weil sie ihre "antinationale" T‰tigkeit fortsetzen. Nur der alte und kranke Georgios Papandreu wird freigelassen. Am 1. November stirbt der alte Parteichef. Zwei Tage sp‰ter verwandelt sich der Trauerzug, den der hˆchste Vertreter der orthodoxen Kirche in Athen anf¸hrt, in eine Demonstration gegen die Milit‰rjunta. Die Polizei schreitet brutal ein, und Hunderte von Demonstranten werden verhaftet. Das sollte die letzte Demonstration gegen die Milit‰rdiktatur bis zum November 1973 sein, als sich die Studenten des Polytechnikums im Inneren der Universit‰t verbarrikadieren: ein bewaffneter Aufstand gegen die Obristenjunta, die sich entschlie_t, Panzer gegen die Studenten einzusetzen. 

 

Eine Woche lang verwandelt sich Athen in ein Schlachtfeld, und das blutige Ende der Revolte bedeutet auch den Sturz der Junta. Als letzte Notlˆsung entfernen die Milit‰rs die Hauptfiguren des Staasstreichs von 1967 und glauben, sich so an der Macht halten zu kˆnnen. Sie verk¸ndigen die Abschaffung der Zensur und eine schrittweise Wiederzulassung der demokratischen Parteien, mit Ausnahme der kommunistischen: Eine Art beschr‰nkter Demokratie, in der die Armee die Doppelrolle des Garanten und der Legitimierungsgrundlage der Exekutive darstellen sollte. Dieses Projekt findet einen m‰chtigen Verb¸ndeten in den Vereinigten Staaten, aber nicht in Europa.

Am Ende setzt sich Europa durch, und das Milit‰rregime endet mit der Verhaftung eines Gro_teils der Armeespitze.

 

www.media68.com | february 1998