F¸r den aufsehenerregenden und massiven Beginn der Achtundsechzigerbewegung in der Bundesrepublik Deutschland kann man ein genaues Datum angeben. Am 2. Juni 1967, w‰hrend einer Studentendemonstration gegen den Berlinbesuch des Schahs von Persien, Reza Pahlewi, tˆtete ein von einem Polizeibeamten abgegebener Schu_ den Studenten Benno Ohnesorg. Dieser Tod machte einen gewaltigen Eindruck und beschleunigte die Studentenbewegung betr‰chtlich, die sich w‰hrend des ganzen Jahrzehnts immer mehr radikalisiert hatte. Seit der Mitte der f¸nfziger Jahre hatten sich zwischen der SPD und ihrer Studentenorganisation, dem SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund), Reibungen entwickelt, vor allem hinsichtlich der Wiederbewaffnung der Bundesrepublik und der Atombewaffnung, die nach der gem‰_igten Wende der SPD beim Bad Godesberger Parteitag zu einem offenen Konflikt geworden waren. Dieser endete 1960/61 mit dem Ausschlu_ des SDS und der Gr¸ndung einer neuen sozialdemokratischen Studentenorganisation, dem SHB (Sozialdemokratischer Hochschulbund), der sich sp‰ter seinerseits radikalisieren sollte. Der Protest gegen die Kernwaffen und die Wehrpflicht und der Kampf gegen die ber¸chtigten Notstandsgesetze, die die Rechte seit 1958 vorschlug und die die SPD 1966 akzeptierte, waren zusammen mit den autorit‰ren Strukturen im Schul- und Hochschulsystem die Hauptthemen der Studentenbewegung in der ersten H‰lfte der sechziger Jahre, und stellten gleichzeitig die Bruchpunkte mit der Sozialdemokratie dar, die sich auf die Koalitionsregierung mit der christdemokratischen Rechten Kiesingers und Strau_' vorbereitete.

 

 

Ab Mitte der sechziger Jahre erschˆpfte sich das Wirtschaftswunder des Wiederaufbaus unter Konrad Adenauer und Ludwig Erhard, bis hin zur Rezession 1966-67, w‰hrend gleichzeitig der Druck des Kalten Krieges nachlie_, der es ermˆglicht hatte, mehr als ein Auge bez¸glich der Nazivergangenheit zuzudr¸cken und der, im Zeichen eines eingefleischten Antikommunismus, jeden gesellschaftlichen Konflikt tabuisiert hatte.

Dieses neue Klima hatte den Weg f¸r den Zugang der Sozialdemokraten zur Regierungsverantwortung geˆffnet, auf Kosten eines entschiedenen Verzichts auf alle Anwandlungen von radikalem Reformismus und Klassenkonflikten.

Gegen Ende 1966 wurde so die "Gro_e Koalition" mit Kiesinger als Kanzler und Willy Brandt als Vizekanzler gebildet. Ab diesem Moment bildet sich, da jede parlamentarische Opposition fehlt, eine starke au_erparlamentarische Opposition (APO), in der Studentenorganisationen, Gewerkschaftsgruppen, Intellektuelle und ‹berl‰ufer aus der SPD zusammenflie_en.

Nach dem 2. Juni 1967 verbreitet sich die Bewegung an den Universit‰ten und in den Oberschulen.

Das in Berlin entwickelte Modell der direkt von den Studenten organisierten "Gegenuniversit‰t" verbreitet sich an anderen Hochschulen. Die seit der Mitte des Jahrzehnts wachsende Solidarit‰t mit dem vietnamesischen Volk und der Protest gegen den amerikanischen Krieg in Indochina werden ein Leitmotiv der Studentenbewegung, und die Demonstrationen und ˆffentlichen Aktionen nehmen st‰ndig zu.

In Berlin wird gegen den Besuch des US-amerikanischen Vizepr‰sidenten Hubert Humphrey demonstriert.

Der Protest gegen den Vˆlkermord in Vietnam ist f¸r die jungen Deutschen auch eine Weise, um die Verdr‰ngung der Nazivergangenheit und das Schweigen der V‰ter unter Anklage zu stellen.

Au_er gegen den Konformismus der Nachkriegszeit und seine Verdr‰ngungen richtet sich die Jugendrevolte auch gegen die Riten und Mythen der Konsumgesellschaft, die famili‰ren und gesellschaftlichen Hierarchien und die Sexualmoral. Sie probiert neue Beziehungsformen wie die Kommunen (die erste wird im Januar 1967 in Berlin gegr¸ndet) und sp‰ter die antiautorit‰ren Kinderl‰den aus.

Stark ist der Einflu_ der Kritischen Theorie von Adorno, Horkheimer und Habermas (den die Bewegung allerdings heftig angreift, vor allem durch ihren brillantesten Theoretiker, Hans J¸rgen Krahl), der englischen "New Left Review", von Denkern wie Marcuse und Ernst Bloch, von radikalen Psychoanalytikern wie Wilhelm Reich und von marxistischen H‰retikern wie Rosa Luxemburg oder Pannekoek.

Es fehlt au_erdem nicht an Kontakten mit zeitgenˆssischen Kritikern des realen Sozialismus.

Diese hˆchst intensive Erarbeitung und Zirkulation von Ideen findet ihr Organ in der angesehensten Zeitschrift der Neuen Linken, dem von Hans Magnus Enzensberger 1965 gegr¸ndeten "Kursbuch".

 

Die Reaktion der Rechten gegen die Studentenbewegung ist vehement. Die Springergruppe, die 78% der Berliner Presse und 33% der Presse in ganz Deutschland kontrolliert, f¸hrt gegen die Studenten eine blindw¸tige Pressekampagne, in der sie diese anklagt, Unruhen und Anarchie zu sch¸ren und im Dienste des Sowjetblocks zu handeln.

Die Rechte betrachtet Berlin und S¸dvietnam als verbr¸dert, weil sie beide Bollwerke der freien Welt gegen den Kommunismus w‰ren.

Das Jahr 1968 beginnt im Februar mit einem Kongre_ und einer gro_en Demonstration gegen die US-Aggression in Vietnam, der eine vom Berliner Senat, der Gewerkschaft und der Springergruppe organisierte Gegendemonstration folgt.

Am 3. April ver¸ben Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Sˆhnlein und Proll einen Brandanschlag mit antiimperialistischen Begr¸ndungen gegen zwei Kaufh‰user in Frankfurt. Sie werden am Tag darauf verhaftet, aber damit beginnt die Geschichte des bewaffneten Kampfes in der BRD, der 1970, nach der Flucht Baaders, zur Bildung der RAF (Rote Armee Fraktion) mit Hilfe Ulrike Meinhofs f¸hren sollte.

Am 11. April, wenige Tage vor Ostern, gibt Joseph Bachmann, ein junger Anstreicher mit verworrenen rechten Ideen, drei Pistolensch¸sse auf Rudi Dutschke ab, den bekanntesten und charismatischsten Vertreter des SDS. Dutschke ¸berlebt das Attentat wie durch ein Wunder, aber erleidet schwere Verletzungen, die seinen sp‰teren Tod, am 24. Dezember 1979, hervorrufen sollten.

Bachmann wird sofort verhaftet und 1969 zu sieben Jahren Haft verurteilt, trotz der von der Bewegung gewollten Verteidigung durch Horst Mahler, den bekanntesten Anwalt des SDS; Bachmann begeht sp‰ter im Gef‰ngnis Selbstmord. In Berlin bricht sofort eine Revolte aus, und es kommt zu gewaltsamen Zusammenstˆ_en zwischen Polizei und Demonstranten, die versuchen, den Sitz der Springergruppe anzugreifen. In den darauffolgenden Tagen greift die Revolte auf andere 27 St‰dte ¸ber, wo die Geb‰ude und die Lieferautos des Verlegers angegriffen werden, der f¸r das Ha_klima verantwortlich gemacht wird, das den Attent‰ter inspiriert hat. Die sogenannten "Osterunruhen" gelten als die schwersten seit den Zeiten der Weimarer Republik. Am Ende werden Hunderte von Verletzten und zwei Tote in M¸nchen gez‰hlt.

Im Mai versucht eine riesige Mobilisierung, die Verabschiedung der Notstandsgesetze zu verhindern, einer Reihe von Einschr‰nkungen der verfassungsm‰_igen Rechte, zu der sich die SPD seit l‰ngerem bekehrt hat. Aber nach dem Nachgeben der Gewerkschaftsopposition (nur die IG Metall k‰mpft bis zum Ende dagegen) werden die Notstandsgesetze vom Parlament mit der notwendigen Zweidrittelmehrheit verabschiedet.

Nach dieser Niederlage beginnt der Abstieg des SDS, den Fraktionsk‰mpfe und der Konflikt zwischen "Spontaneisten" und Anh‰ngern des leninistischen Organisationsmodells aufreiben, w‰hrend auf einer ganz anderen Ebene auf dem Frankfurter Kongre_ im September die Frauen der Organisation den im SDS herrschenden Machismus anklagen.

 

 

Am Ende des Jahres werden die ersten kommunistischen Miniparteien gegr¸ndet, die DKP (Deutsche Kommunistische Partei) und die maoistische KPD, dann der Spartakusbund (die Jugendorganisation der DKP) und die Roten Zellen, und sp‰ter undogmatische und dauerhaftere Gruppen, wie das Sozialistische B¸ro.

Die Bewegung verschiebt sich von den Universit‰ten in die Stadtviertel, in einige Sektoren der Arbeiterschaft und der Gewerkschaft und zu den Lehrlingen, w‰hrend im September 1969 auch in Westdeutschland spontane Arbeiterstreiks gegen die Unterschrift der Gewerkschaft unter die Tarifvertr‰ge stattfinden. Die zwei Jahre der Bewegung enden mit dem Wahlsieg der SPD bei den Wahlen vom 28. September, die den Ausschlu_ der CDU/CSU von der Regierung und die Schaffung einer sozialliberalen Koalition ermˆglicht. Sie wird vom Kanzler Brandt geleitet und setzt sich f¸r die Entspannungspolitik ein, ist aber trotzdem nicht ohne autorit‰re und repressive Z¸ge.

Der SDS lˆst sich offiziell im M‰rz 1970 auf. Aus der Rebellion von 1967-69 geht einerseits eine "Alternativbewegung" hervor, die auf das Wirken im gesellschaftlichen Umfeld und die Schaffung eigener, autonomer Lebensbereiche gerichtet ist. Sie geht sp‰ter, durch die Friedens- und Antiatomkraftbewegung, grˆ_tenteils in die Kultur- und Umweltschutzorganisationen ein. Andererseits gehen daraus die beiden antithetischen Untergrundorganisationen der RAF und der "Bewegung 2. Juni" hervor. Die tragische Geschichte der antiimperialistischen und hypermilitarisierten RAF spielt sich zwischen der blutigen Attentatsserie im Fr¸hjahr 1972 und dem geheimnisvollen Tod Baaders und seiner Genossen im Gef‰ngnis im Oktober 1977 ab. Die zweite Organisation ist anarchistisch angehaucht und schwankt zwischen bewaffnetem Kampf und Subkultur; sie ver¸bt ihre spektakul‰rste Aktion 1974 mit der Entf¸hrung des christdemokratischen Politikers Peter Lorenz und ist Teil einer Strˆmung, die sp‰ter in den Autonomen aufgeht.

 

www.media68.com | february 1998