Gro_britannien ist in den sechziger Jahren der Hauptort der Erarbeitung einiger aufsehenerregender Neuigkeiten, die vor allem die Kultur und die Sitten der Jugend betreffen.

 

Von den "Angry young men" bis zu den ersten Jugendbanden (die "Rockers" und die "Mods") und schlie_lich bis zur Explosion des Beatles-Ph‰nomens lehnen sich die jungen Engl‰nder gegen die Lebensweise ihrer V‰ter auf und finden in der Pop- und Rockmusik eine Sprache, die imstande ist, ihre Revolte auszudr¸cken.

 

In denselben Jahren beginnt man, wenngleich in sehr viel engeren Kreisen, das Bed¸rfnis einer kulturellen und politischen Erneuerung der Linken zu versp¸ren: 1960 wird die "New Left Review" gegr¸ndet, zu der bekannte Intellektuelle wie Stuart Hall, E. P. Thompson, Raymond Williams und Perry Anderson beitragen.

 

Wie in anderen westlichen L‰ndern entsteht auch in Gro_britannien in den sechziger Jahren die Massenuniversit‰t. Die Zahl der Studenten, die in den ersten zehn Jahren nach dem Krieg ungef‰hr 70.000 betrug, stieg bis zum Jahr 1965 auf 300.000 an. Der Funktionswandel der Universit‰t, die nicht mehr der Bildung und der Reproduktion einer F¸hrungselite vorbehalten ist, setzt eine Reihe von Ver‰nderungen in Gang: Die Politik h‰lt Einzug in die Universit‰ten, wo sich linke Organisationen bilden, unter denen die Radical Student Alliance (RSA) hervorsticht, zu der junge Mitglieder der Labour-Party und Kommunisten gehˆren. Die erste Konferenz der RSA wird am 28. und 29. Januar 1967 in London an der London School of Economics abgehalten, die stets ein Zentrum der Bewegung bleiben sollte. Die Studenten protestieren gegen die Erhˆhung der Studiengeb¸hren f¸r Ausl‰nder und die K¸rzungen bei den Stipendien; sie verlangen ein Gehalt f¸r die Studenten, die auf diese Weise den anderen Arbeitern gleichgestellt w¸rden. Die RSA tritt so in Konflikt mit der National Union for Students, der traditionellen, halbobligatorischen Gewerkschaft, in der sich seit 1923 die britischen Studenten organisieren.

 

Der Mittelpunkt der Studentenrevolte zwischen 1967 und 1969 war die angesehene, durch ihre fortschrittliche, engagierte und der Labour-Party nahestehende Tradition gekennzeichnete London School of Economics (LSE), in deren Innerem die Vorreiterrolle von der Soziologiefakult‰t eingenommen wurde.

 

 

Im Herbst 1966 wird Walter Adams zum Direktor der London School ernannt, wogegen die Studenten aufgrund seiner Vergangenheit als Direktor des University College im rassistischen Rhodesien protestieren. Die Studenten organisieren ein Protestmeeting f¸r den 31. Januar 1967, aber die akademischen Behˆrden verbieten ihnen den Zugang zu den Universit‰tsr‰umlichkeiten: Es entsteht ein Handgemenge, in dessen Verlauf ein Schuldiener an Herzinfarkt stirbt. Gegen einige Studenten werden Disziplinarverfahren eingeleitet, darunter gegen den Organisator des Meetings, Marshall Bloom, ein Amerikaner, der in seinem Land an der B¸rgerrechtsbewegung teilgenommen hatte.

 

Im M‰rz hat die Spannung immer noch nicht nachgelassen: Nach einem f¸nft‰gigen Sit-in beginnen die Studenten der London School, die "freie Universit‰t" nach amerikanischem Modell auszuprobieren.

 

Im Sommer 1967 wird zwischen dem 15. und dem 30. Juli in London ein gro_er Kongre_ der Kritik- und Protestbewegungen mit dem Titel "Dialektik der Befreiung" abgehalten, an dem Vertreter aus der ganzen Welt teilnehmen. Die Vorf‰lle an der LSE bleiben nicht isoliert: Bereits im Herbst 1967 beginnen Unruhen an anderen Universit‰ten Gro_britanniens. In London werden Sit-ins am Regent Street Polytechnic und am Holborn College of Law and Commerce abgehalten. An der Universit‰t Sussex wird der Vortrag eines Vertreters der US-Botschaft gestˆrt, der gekommen war, um ¸ber den Vietnamkrieg zu sprechen.

 

Konflikte entstehen auch an den Universit‰ten von Edinburgh und Leicester; an der Universit‰t Essex wird gegen den konservativen und rassistischen Abgeordneten Enoch Powell protestiert. Die Studenten der Universit‰t Essex verlangen das Recht, in den Universit‰tseinrichtungen niemanden sprechen zu lassen, der eine kolonialistische oder rassistische Position vertritt.

In der Zwischenzeit entwickelt sich die Protestbewegung gegen den amerikanischen Krieg in Vietnam: Die Vietnam Solidarity Campaign, eine 1966 von verschiedenen linken Gruppen (Mitglieder des linken Fl¸gels der Labour-Party und Trotzkisten, die von der Bertrand-Russell-Stiftung unterst¸tzt und finanziert werden) gegr¸ndete Organisation, ruft f¸r den 22. Oktober 1967 die erste gro_e Massendemonstration zur Unterst¸tzung des Kampfes des vietnamesischen Volks aus, die mit heftigen Zusammenstˆ_en vor der amerikanischen Botschaft am Grosvenor Square endet.

 

Andere wichtige Protestdemonstrationen gegen den amerikanischen Krieg in Vietnam finden in London und in anderen englischen St‰dten am 17. M‰rz und am 21. Juli 1968 statt.

 

Parallel dazu entwickelt sich die Kampagne gegen die bakteriologischen Waffen: Das vom Verteidigungsministerium kontrollierte Zentrum f¸r mikrobiologische Forschungen von Porton Down wird angeklagt, den Amerikanern das tˆdliche, in Vietnam benutzte CS-Gas geliefert zu haben. Die Universit‰ten bilden den Mittelpunkt der internationalistischen Mobilisierung: In Cambridge wird die Rede des Verteidigungsministers Denis Healey unterbrochen; und auf einen ‰hnlichen Protest stˆ_t an der Universit‰t von Leeds der rechtsextreme Abgeordnete Patrick Wall, der das rassistische Regime Rhodesiens verteidigt. Am 30. Mai kommt es zu Unruhen an der Universit‰t von Hull, wo die Studenten mehr Demokratie fordern; in Bristol wird der Sitz der Studentenunion besetzt, und die Studenten verlangen, da_ die R‰ume der Benutzung durch die Stadtbevˆlkerung offenstehen; im Juni protestieren die Studenten der Keele University, um eine Vertretung im akademischen Senat und in den Universit‰tskomitees zu erhalten. Zur selben Zeit wird an der Medezinschule von Newcastle ein Teach-In ¸ber Vietnam abgehalten.

 

Eine Reihe besonders intensiver K‰mpfe entfaltet sich an den Colleges und den Kunstschulen.

Ausgehend vom Hornsey College verbreitet sich der Protest in Croydon, Birmingham, Liverpool, Guilford und am Royal College of Arts in London.

Die Studenten der Kunstschulen bilden, auf Initiative der Studenten von Hornsey und Guilford, eine Bewegung, um die Kunst- und Designerziehung zu ¸berdenken, und ¸bernehmen eine Avantgarderolle in der antiautorit‰ren Bewegung.

 

Der Slogan der Hochschulrevolte ist "Studentenmacht". Die Studenten wollen an den Entscheidungsorganen der Universit‰tsstrukturen teilnehmen, aber bald schon setzen sie sich, wie es in den anderen L‰ndern Europas geschieht, ein grˆ_eres und allgemeineres, revolution‰res und antikapitalistisches Ziel. Mit dieser Zielsetzung wird am 14. und 15. Mai 1968 an der London School of Economics die Revolutionary Socialist Student Federation (RSSF) gebildet, eine Organisation der neuen Linken, die den "revolution‰ren Sturz des Kapitalismus und des Imperialismus" als ihr Ziel betrachtet.

 

Der Kampf gegen Imperialismus und Rassismus ist eines der Zentralthemen der britischen Studentenbewegung. Im Juni lehnt das Oberhaus mit einer Mehrheitsentscheidung den Gesetzesentwurf f¸r Sanktionen gegen das rassistische Regime in Rhodesien ab.

 

An vielen Universit‰ten organisieren die Studenten Proteststreiks, und der Labour-Premierminister Wilson k¸ndigt eine Reihe von Gesetzesvorhaben an, die die Befugnisse des Oberhauses einschr‰nken sollen.

 

Im Herbst lˆst die Vietnamfrage die Wiederaufnahme der Studentenmobilisierungen aus. Die Studenten der London School of Economics (LSE) wollen die Universit‰t in die f¸r den 27. Oktober organisierte Demonstration zur Unterst¸tzung des Kampfes des vietnamesischen Volks einbeziehen. Nach der Ablehnung durch die akademischen Behˆrden wird die London School besetzt; so beginnt eine Unruheperiode, die sich bis zum Jahresende hinzieht.

Unterdessen hat die Labour-Regierung Ende Oktober, um den Dialog mit der Jugend wiederaufzunehmen, die sofortige Ausdehnung des Wahlrechts auf die Achtzehnj‰hrigen verk¸ndigt. Im Dezember beginnen neue Konflikte an vielen englischen Hochschulen, und die von Bristol wird besetzt. An der London School dauern die Unruhen auch 1969 an.

Im Januar wird ein Teach-in abgehalten, um gegen die Investitionen der LSE in Rhodesien und S¸dafrika zu protestieren; die Studenten nehmen einen langen Kampf auf sich, um die politische Benutzbarkeit der Schule durchzusetzen, auf den die akademischen Behˆrden mit Disziplinarverfahren reagieren.

Die Lage bleibt w‰hrend des ganzen akademischen Jahres sehr konfliktreich: Streiks, Boykotte und Besetzungen der Verwaltungsb¸ros.

Obwohl sie sich durch extrem radikalisierte Gipfelpunkte auszeichnete, erreichte die Kampfbewegung der Studenten in Gro_britannien nicht die Ausdehnung und die Intensit‰t, die die Bewegungen in Frankreich, Italien und Deutschland kennzeichneten.

 

www.media68.com | february 1998