Niemand hat die Explosion des Pariser Mais 1968 vorhergesehen, aber nachher haben alle eine Erkl‰rung daf¸r geliefert, die oft hilfreich ist, ohne jedoch vˆllig zufriedenzustellen. Falsche politische Revolution, echtes soziales Psychodrama, Befreiungs- und Spieltrieb, kulturelle Erneuerung: Der Pariser Mai ist all das ein bi_chen und beh‰lt trotzdem eine geheimnisvolle, oder zumindest irrationale Seite.

 

Nat¸rlich entdeckt man im R¸ckblick gewisse Vorzeichen. Es gen¸gt, daran zu erinnern, da_ im Herbst 1967 Jean-Luc Godards Film "La Chinoise" in die Kinos kommt, das Portr‰t einer revolution‰ren maoistischen Studentin, und da_ in "Le Monde" vom 15. M‰rz 1968 der Leitartikelschreiber Viansson-PontÈ feststellt, da_ "Frankreich sich langweilt". Mangels einer besseren folgen wir dieser F‰hrte: einerseits die Beschreibung einer ziemlichen Leblosigkeit; andererseits das Streben nach einem radikalen Wandel, das sich unter der Jugend verbreitet.

 

1968 regiert der General De Gaulle Frankreich seit zehn Jahren und steht auf dem Hˆhepunkt seiner zweiten Karriere. Er hat ein stabile Regierung aufgebaut, die die Exekutive verst‰rkt hat, ohne die Demokratie abzuschaffen, auch wenn einige Stimmen weiterhin vor der Gefahr einer Alleinherrschaft warnen. Er hat, nicht ohne Schwierigkeiten, das Algerienproblem gelˆst; er hat das Prestige Frankreichs in der Welt wiederhergestellt, indem er sein Land in die Gemeinschaft der Nuklearm‰chte brachte; er hat die wirtschaftliche Bl¸te ausgen¸tzt, um die deutsch-franzˆsische Achse zu schaffen, eine enge Zusammenarbeit mit dem Gegner von gestern im Rahmen des Aufbaus von Europa. Die Franzosen bereichern sich und vergessen so die j¸ngsten Diskussionen ¸ber die Natur des Regimes und das Schicksal der Kolonien. Die Wiederkehr des Gaullismus hat, durch dessen populistischen Charakter, die traditionelle Trennlinie zwischen rechts und links ver‰ndert; und die Linke hat M¸he, die neuen Strukturen zu erkennen, die es ihr ermˆglichen kˆnnten, sich wirksam im politischen Rahmen der f¸nften Republik zu bewegen. Die Kommunistische Partei bleibt stalinistisch, trotz einiger inkonsequenter Versuche, sich zu entwickeln; die SFIO bezahlt den Preis f¸r ihre Schwankungen zwischen einer weiterhin revolution‰ren Ideologie und einer reformistischen Praxis, die Kompromisse mit der Rechten nicht ausschlie_t. So erˆffnet sich ein Freiraum f¸r den traditionellen republikanischen Geist und die neuen sozialen Bed¸rfnisse: Ein Aufbl¸hen von Clubs, intellektuellen Zirkeln und verschiedenen politischen Laboratorien (die PSU, zum Beispiel) versucht die M‰ngel der gro_en Parteien auszugleichen. FranÁois Mitterrand, ein erfahrener und schwer einzuordnender Politiker, bem¸ht sich darum, einige dieser zur Verf¸gung stehenden Kr‰fte und die Wahlpotentiale der Sozialisten, der Kommunisten und der Mitte-Links-Kr‰fte zu vereinigen (vor allem in der CIR).

 

Es ist vor allem der jugendliche Anteil der Bevˆlkerung, der die Dinge in Bewegung setzt, und zwar au_erhalb der traditionellen Schemata. Die aus dem Baby-Boom der Nachkriegszeit hervorgegangenen Jugendlichen sind besonders zahlreich. 

Ihre Vitalit‰t dr¸ckt sich in den Fabriken aus (wie man im Januar 1968 bei der Saviem in Caen sieht), in den Pop- und Rockkonzerten und in bestimmten politischen Organisationen (die UEC, die CERES, die Gr¸ppchen der ‰u_ersten Linken), aber vor allem an der Universit‰t. Die Entstehung der Massenuniversit‰t w‰hrend der letzten Jahre (50.000 Studenten im Jahr 1936, 250.000 im Jahr 1960 und 500.OOO im Jahr 1968) bleibt nicht ohne Folgen. Die Universit‰t hat die Stadtmauern verlassen und sich einen Campus auf dem Land oder auf den leeren Terrains an der Pariser Peripherie geschaffen, aber ohne ihre Traditionen aufzugeben: Feierliche Vorlesungen, Herrschaft der akademischen Barone, autorit‰re Vermittlung des Wissens, konformistische Sitten (vor allem bei den Geschlechtsbeziehungen).

 

Die Achtundsechziger-Jugend ist im ‹berflu_ ohne Gleichheit der Konsumgesellschaft aufgewachsen. Sie ist nicht von der Idee besessen, eine Arbeit zu finden, und kann ihren kulturellen Interessen nachgehen. Sie w‰hlt frei ihren Studiengang und begeistert sich f¸r die radikalsten Ideologien. Das Verlangen nach grˆ_erer Freiheit in einer erstarrten Gesellschaft, die Dritte-Welt-Ideologie, der Protest gegen den amerikanischen Krieg in Vietnam, und f¸r die Gymnasiasten die Gefahr der Auslese im Moment des Universit‰tsbeginns: Das sind die Themen, die f‰hig sind, sie zu mobilisieren.

 

Wenn man den Vergleich zwischen dem Pariser Mai und einem Brand akzeptiert, mu_ man sagen, da_ das Feuer sich ab M‰rz in der Universit‰t Nanterre, im Westen von Paris, zu entz¸nden scheint.

Die ersten Funken entstehen aus der Mischung zwischen Forderungen, die die Beziehungen zwischen M‰dchen und Jungen in den Studentenwohnheimen betreffen, und Protesten gegen den Vietnamkrieg. Am 22. M‰rz bildet sich eine Solidarit‰tsbewegung zugunsten eines trotzkistischen politisch aktiven Kollegen, der f¸r einige Stunden nach einem Attentat auf die Pariser Zweigstelle des American Express, Symbol der Vereinigten Staaten, verhaftet worden war. Bei dieser Gelegenheit wird die Anf¸hrerrolle Daniel Cohn-Bendits best‰tigt. Er ist deutschen Ursprungs, wohnt aber in Frankreich und ist ein dem Anarchismus zugeneigter gl‰nzender Redner.

Nachdem sie symbolisch die Universit‰t Nanterre besetzt haben, nehmen die jungen "W¸tenden" (so definieren sie sich selbst) am 29. M‰rz trotz der wachsamen Anwesenheit der Polizei an der Besetzung der Sorbonne teil, der ber¸hmtesten franzˆsischen Hochschule. Es handelt sich nur um eine Wiederholung. Die Szene wird im Fr¸hjahr mit denselben Merkmalen, aber grˆ_erer Intensit‰t erneut aufgef¸hrt: Seitens der Studenten eine Mischung aus K¸hnheit, Improvisation und Kreativit‰t, vor allem in den Slogans, den Plakaten, den Reden; seitens der Institutionen (sei es die Regierung, die Universit‰tsleitungen oder die offizielle Linke) die Unf‰higkeit, die Stimmung unter der Jugend zu verstehen, die Besorgnis, das Umsichgreifen des Brandes zu vermeiden und keine M‰rtyrer zu schaffen, sowie die Angst vor einem unverantwortlichen Dammbruch.

 

Der gef¸rchtete Brand lodert trotzdem ab dem 3. Mai auf, nachdem mehrere hundert Studenten zwecks Identit‰tskontrolle festgenommen worden sind, darunter einige dem gro_en Publikum noch unbekannte Anf¸hrer, vor allem Jacques Sauvageot der UNEF, der Trotzkist Alain Krivine und Daniel Cohn-Bendit. Zur allgemeinen ‹berraschung mobilisieren sich zahlreiche Studenten gegen die "Polizeirepression" mit dem Schlachtruf "CRS = SS". Es folgt der erste Barrikadentag im Quartier Latin, der sich durch die H‰rte der Zusammenstˆ_e zwischen Studenten und Polizisten auszeichnet.

Die Verurteilung von vier Studenten zu Gef‰ngnisstrafen ohne Bew‰hrung setzt die Gewaltspirale erneut in Gang und erweitert den Bereich der Protestler (der die SNESUP von Alain Geismar miteinschlie_t).

Die Generalversammlungen der Fakult‰ten werden verlassen, um auf den Stra_en von Paris zu demonstrieren und um - unter den erstaunten und anf‰nglich sympathisierenden Blicken des Publikums - den Angriffen der Polizei hinter improvisierten Barrikaden standzuhalten.

Die Radiosender ¸bertragen live die Chronik des gro_en Aufruhrs, und die Pariser B¸rger laufen herbei, um das Schauspiel der die Vorlesungen ersetzenden Debatten und die Konfrontationen (und darauffolgenden Verfolgungsjagden) zwischen Demonstranten und Polizisten inmitten des Rauchs der in Brand gesteckten Autos und der Tr‰nengasgranaten zu sehen.

Die Nacht des 10. Mai stellt den Hˆhepunkt der Zusammenstˆ_e dar. Das Ergebnis ist, da_ die gro_en Gewerkschaften, vor allem die CGT und die CFDT, die bis dahin vorsichtig oder mi_trauisch waren, mit der Ank¸ndigung eines vierundzwanzigst¸ndigen Generalstreiks und einer Demonstration am 13. Mai die B¸hne betreten.

Bei seiner R¸ckkehr von einer Reise nach Afghanistan k¸mmert sich auch der Premierminister Georges Pompidou um die Angelegenheit, die, was die anderen Regierungsvertreter - Louis Joxe, Christian Fouchet, Alain Peyrefitte - angeht, einem einzigen gro_en Zˆgern ‰hnelt.

Pompidou trifft versˆhnliche Entscheidungen (die verhafteten Studenten werden freigelassen, die Polizei r‰umt die Sorbonne, die sie zuvor besetzt hatte) und bereitet eine Verhandlung ¸ber die sozialen Fragen vor. Der Protest der Arbeiter lˆst den Studentenprotest ab, der auch vom kulturellen Milieu unterst¸tzt wird (das Kinofestival von Cannes hat sich selbst aufgelˆst).

Viele Fabriken werden von den Arbeitern besetzt, und innerhalb weniger Tage wird Frankreich durch die Streiks und die Unterbrechung der Energieversorgung lahmgelegt. Mangels Benzin spazieren die Leute auf der Stra_e, sprechen miteinander, helfen sich gegenseitig und nehmen an der allgemeinen Arbeitspause in einem Klima fr¸hlingshafter Euphorie teil. Mit dem Bild des "Karnevals" ("Chienlit": so nannte es der General De Gaulle) sind das die Erinnerungen an den Mai 1968 - einer gewaltigen Krise, deren Ergebnis wunderbarerweise nicht sehr blutig war - die im Ged‰chtnis geblieben sind.

Die Regierung, die nicht mehr ¸ber ihre ¸blichen Kommunikationsmittel verf¸gt, da das ˆffentliche Fernsehen (das einzige damals existierende) streikt, hat M¸he, eine friedliche Lˆsung zu finden.

De Gaulle verspricht ein Referendum zum Thema der Beteiligung, ohne jedoch zu ¸berzeugen.

Pompidou organisiert eine gro_e Verhandlungsrunde mit den Arbeitgebern und den Gewerkschaften, w‰hrend man nichts Besseres findet, als Cohn-Bendit den Aufenthalt in Frankreich zu verbieten.

Alles umsonst.

Die Demonstrationen mit aufst‰ndischem Charakter - besonders bemerkenswert ist der Versuch, den Tempel des Geldes, die Bˆrse, in Brand zu stecken - beginnen in der Nacht vom 23. zum 24. Mai in Paris und in vielen Provinzst‰dten erneut.

 

Der Abkommensentwurf, der aus den Grenelle-Verhandlungen hervorgeht, wird trotz den darin gemachten Zugest‰ndnissen (die sp‰ter akzeptiert werden) sofort von der Arbeiterbasis abgelehnt. Die linken Parteien ziehen keinerlei Nutzen aus der Lage, und auch der R¸ckgriff auf eine allgemein respektierte Person wie Pierre MendËs-France geht ins Leere.

Die Verwirrung erreicht ihren Hˆhepunkt am 29. Mai, als General De Gaulle f¸r einige Stunden verschwindet: Die Macht wankt, aber diejenigen, die sie ergreifen wollen, sind nicht dazu in der Lage, und diejenigen, die sich ihrer bem‰chtigen kˆnnten, wollen es nicht.

Die Situation ‰ndert sich schlagartig, als De Gaulle mit neuem Mut wieder die Staatsz¸gel ergreift, die Pompidou kaltbl¸tig in der Hand behalten hat. Am 30. Mai erkl‰rt De Gaulle mit seinem ¸blichen entschiedenen und feierlichen Ton seine Absicht, an der Macht zu bleiben, die Autorit‰t wiederherzustellen und die Nationalversammlung aufzulˆsen, um sich der demokratischen Kontrolle durch Wahlen zu stellen. Am selben Tag stellt eine beeindruckende gaullistische Demonstration in Paris, der bald andere in der Provinz folgen, einen Wendepunkt dar, der nach kurzem durch den Wahlgang vom 23. und 30. Juni best‰tigt wird, obgleich Streiks und Stra_enschlachten sich noch w‰hrend eines Gro_teils des Monats hinziehen.

Die F¸nfte Republik geht weiter, die franzˆsische Gesellschaft findet ihre Werte und ihre Wochenenden wieder, die viel mehr Tote auf den Stra_en fordern, aber der Samen zu zahlreichen Ver‰nderungen ist gelegt. De Gaulle zieht sich im Jahr darauf nach der Niederlage bei seinem Test-Referendum zur¸ck.

Die Umbildung der sozialistischen Linken wird nun mˆglich, obwohl sie nicht einfach ist, und der Niedergang der PCF (KPF) verst‰rkt sich. Die Universit‰t wird reformiert, und die Arbeitswelt zieht aus der Krise einen gewissen Gewinn. Das Erbe des Pariser Mais zeigt sich vor allem in einem schnellen Sittenwandel, der auch auf Gesetzesebene anerkannt wird, und darin, da_ sich in der ˆffentlichen Diskussion und in der Durchschnittsmentalit‰t die Idee durchsetzt, da_, dank einer freieren und phantasiereicheren Inspiration, andere Mˆglichkeiten existieren, um das eigene Leben zu leben, und andere Mittel, es zu ‰ndern.

 

www.media68.com | february 1998