Niemand hat die Explosion des Pariser Mais 1968 vorhergesehen,
aber nachher haben alle eine Erkl‰rung daf¸r geliefert, die oft hilfreich ist,
ohne jedoch vˆllig zufriedenzustellen. Falsche politische Revolution, echtes
soziales Psychodrama, Befreiungs- und Spieltrieb, kulturelle Erneuerung: Der
Pariser Mai ist all das ein bi_chen und beh‰lt trotzdem eine geheimnisvolle,
oder zumindest irrationale Seite. Nat¸rlich entdeckt man im R¸ckblick gewisse Vorzeichen. Es
gen¸gt, daran zu erinnern, da_ im Herbst 1967 1968 regiert der General De Gaulle Frankreich seit zehn Jahren
und steht auf dem Hˆhepunkt seiner Es ist vor allem der jugendliche Anteil der Bevˆlkerung, der
die Dinge in Bewegung setzt, und zwar au_erhalb der traditionellen Schemata. Die
aus dem Baby-Boom der Nachkriegszeit hervorgegangenen Jugendlichen sind
besonders zahlreich. Ihre Vitalit‰t dr¸ckt sich in den Fabriken aus (wie man im
Januar 1968 bei der Die Achtundsechziger-Jugend ist im ‹berflu_ ohne Gleichheit
der Konsumgesellschaft aufgewachsen. Sie ist nicht von der Idee besessen, eine
Arbeit zu finden, und kann ihren kulturellen Interessen nachgehen. Sie w‰hlt
frei ihren Studiengang und begeistert sich f¸r die radikalsten Ideologien. Das
Verlangen nach grˆ_erer Freiheit in einer erstarrten Gesellschaft, die
Dritte-Welt-Ideologie, der Protest gegen den Wenn man den Vergleich zwischen dem Pariser Mai und einem
Brand akzeptiert, mu_ man sagen, da_ das Feuer sich ab M‰rz in der Universit‰t
Die ersten Funken entstehen aus der Mischung zwischen
Forderungen, die die Beziehungen zwischen M‰dchen und Jungen in den
Studentenwohnheimen betreffen, und Protesten gegen den Vietnamkrieg. Am Nachdem sie symbolisch die Universit‰t Nanterre besetzt
haben, nehmen die jungen "W¸tenden" (so definieren sie sich selbst)
am 29. M‰rz trotz der wachsamen Anwesenheit der Polizei an der Besetzung der
Sorbonne teil, der ber¸hmtesten franzˆsischen Hochschule. Es handelt sich nur
um eine Wiederholung. Die Szene wird im Fr¸hjahr mit denselben Merkmalen, aber
grˆ_erer Intensit‰t erneut aufgef¸hrt: Seitens der Studenten eine Mischung
aus K¸hnheit, Improvisation und Kreativit‰t, vor allem in den Slogans, den Der gef¸rchtete Brand lodert trotzdem ab dem 3. Mai auf,
nachdem mehrere hundert Studenten zwecks Identit‰tskontrolle festgenommen
worden sind, darunter einige dem gro_en Publikum noch unbekannte Anf¸hrer, vor
allem Die Verurteilung von vier Studenten zu Gef‰ngnisstrafen ohne
Bew‰hrung setzt die Gewaltspirale erneut in Gang und erweitert den Bereich der
Protestler (der die SNESUP von Die Generalversammlungen der Fakult‰ten werden verlassen, um
auf den Stra_en von Paris zu demonstrieren und um - unter den erstaunten und anf‰nglich
sympathisierenden Blicken des Publikums - den Angriffen der Polizei hinter
improvisierten Barrikaden standzuhalten. Die Bei seiner R¸ckkehr von einer Reise nach Afghanistan k¸mmert
sich auch der Premierminister Georges Pompidou um
die Angelegenheit, die, was die anderen Regierungsvertreter - Louis
Joxe, Christian Fouchet, Alain Peyrefitte -
angeht, einem einzigen gro_en Zˆgern ‰hnelt. Pompidou trifft versˆhnliche Entscheidungen (die verhafteten
Studenten werden freigelassen, die Polizei r‰umt die Sorbonne, die sie zuvor
besetzt hatte) und bereitet eine Verhandlung ¸ber die sozialen Fragen vor. Der
Protest der Arbeiter lˆst den Studentenprotest ab, der auch vom kulturellen
Milieu unterst¸tzt wird (das Kinofestival von
Cannes hat
sich selbst aufgelˆst). Viele Fabriken werden von den Arbeitern besetzt, und innerhalb
weniger Tage wird Frankreich durch die Streiks und die Unterbrechung der
Energieversorgung lahmgelegt. Mangels Benzin spazieren die Leute auf der Stra_e,
sprechen miteinander, helfen sich gegenseitig und nehmen an der allgemeinen
Arbeitspause in einem Klima fr¸hlingshafter Euphorie teil. Mit dem Bild des
"Karnevals" ("Chienlit": so nannte es der General De Gaulle)
sind das die Erinnerungen an den Mai 1968 - einer gewaltigen Krise, deren Ergebnis
wunderbarerweise nicht sehr blutig war - die im Ged‰chtnis geblieben sind. De Gaulle verspricht ein Referendum zum Thema der Beteiligung,
ohne jedoch zu ¸berzeugen. Pompidou organisiert eine gro_e Verhandlungsrunde mit den
Arbeitgebern und den Gewerkschaften, w‰hrend man nichts Besseres findet, als
Cohn-Bendit den Aufenthalt in Frankreich zu verbieten. Alles umsonst. Die Demonstrationen mit aufst‰ndischem Charakter - besonders
bemerkenswert ist der Versuch, den Tempel des Geldes, die Bˆrse, in Brand zu
stecken - beginnen in der Nacht vom 23. zum 24. Mai in Paris und in vielen
Provinzst‰dten erneut. Der Abkommensentwurf, der aus den Grenelle-Verhandlungen
hervorgeht, wird trotz den darin gemachten Zugest‰ndnissen (die sp‰ter
akzeptiert werden) sofort von der Arbeiterbasis abgelehnt. Die linken Parteien
ziehen keinerlei Nutzen aus der Lage, und auch der R¸ckgriff auf eine allgemein
respektierte Person wie Pierre MendËs-France
geht ins Leere. Die Verwirrung erreicht ihren Hˆhepunkt am 29. Mai, als
General De Gaulle f¸r einige Stunden verschwindet:
Die Macht wankt, aber diejenigen, die sie ergreifen wollen, sind nicht dazu in
der Lage, und diejenigen, die sich ihrer bem‰chtigen kˆnnten, wollen es nicht. Die Situation ‰ndert sich schlagartig, als De Gaulle mit
neuem Mut wieder die Staatsz¸gel ergreift, die Pompidou kaltbl¸tig in der Hand
behalten hat. Am 30. Mai erkl‰rt De Gaulle mit seinem ¸blichen entschiedenen
und feierlichen Ton seine Absicht, an der Macht zu bleiben, die Autorit‰t
wiederherzustellen und die Nationalversammlung aufzulˆsen, um sich der
demokratischen Kontrolle durch Wahlen zu stellen. Am selben Tag stellt eine
beeindruckende gaullistische Demonstration in Paris, der bald andere in der
Provinz folgen, einen Wendepunkt dar, der nach kurzem durch den Wahlgang
vom 23. und 30. Juni best‰tigt
wird, obgleich Streiks und Stra_enschlachten sich noch w‰hrend eines Gro_teils
des Monats hinziehen. Die F¸nfte Republik geht weiter, die franzˆsische
Gesellschaft findet ihre Werte und ihre Wochenenden wieder, die viel mehr Tote
auf den Stra_en fordern, aber der Samen zu zahlreichen Ver‰nderungen ist
gelegt. De Gaulle zieht sich im Jahr darauf nach der Niederlage bei seinem
Test-Referendum zur¸ck. Die Umbildung der sozialistischen Linken wird nun mˆglich,
obwohl sie nicht einfach ist, und der Niedergang der PCF (KPF) verst‰rkt sich.
Die Universit‰t wird reformiert, und die Arbeitswelt zieht aus der Krise einen
gewissen Gewinn. Das Erbe des Pariser Mais zeigt sich vor allem in einem
schnellen Sittenwandel,
der auch auf Gesetzesebene anerkannt wird, und darin, da_ sich in der ˆffentlichen
Diskussion und in der Durchschnittsmentalit‰t die Idee durchsetzt, da_, dank
einer freieren und phantasiereicheren Inspiration, andere Mˆglichkeiten
existieren, um das eigene Leben zu leben, und andere Mittel, es zu ‰ndern.
www.media68.com | february 1998
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Die
Nacht des 10. Mai stellt den Hˆhepunkt der Zusammenstˆ_e dar. Das Ergebnis ist,
da_ die gro_en Gewerkschaften, vor allem die CGT
und die CFDT, die
bis dahin vorsichtig oder mi_trauisch waren, mit der Ank¸ndigung eines
vierundzwanzigst¸ndigen Generalstreiks und einer Demonstration am 13.
Mai die B¸hne betreten.
Die
Regierung, die nicht mehr ¸ber ihre ¸blichen Kommunikationsmittel verf¸gt, da
das ˆffentliche Fernsehen
(das einzige damals existierende)
streikt, hat M¸he, eine friedliche Lˆsung zu finden.