Die Achtundsechzigerbewegung erschien auch, auf traumatische Weise und mit ganz eigenen Z¸gen, in Osteuropa, wo der Sozialismus realisiert worden war. Drei L‰nder waren dabei entscheidend: Polen, die Tschechoslowakei und Jugoslawien, wo sich eine starke Studentenbewegung entwickelte.

 

DER POLNISCHE MƒRZ

Der Funken, der den Brand in Polen auflodern lie_, war die Entscheidung der polnischen Behˆrden, Mitte Januar 1968 die Auff¸hrung des Dramas Die Ahnen des grˆ_ten polnischen romantischen Dichters, Adam Mickiewicz, im Warschauer Nationaltheater zu verbieten. Der Text des im 19. Jahrhundert geschriebenen Dramas enthielt stark antirussische Ankl‰nge, und einige Szenen wurden von den Zuschauern w‰hrend der Vorstellung mit Beifall bei offener Szene unterstrichen. Viele intellektuelle Vertreter des kritischen Marxismus und einige Tausend Studenten der Universit‰t Warschau unterschrieben einen an die Di‰t (das Parlament) gerichteten Protestbrief; und nach der letzten Auff¸hrung des Dramas, am 30 Januar, fand eine Stra_endemonstration statt, die mit der Verhaftung von 35 Studenten endete.

Am 1. Februar begann eine Unterschriftensammlung gegen die Zensur des Dramas Mickiewiczs, und am 16. Februar wurden dem Parlamentspr‰sidenten 3.145 Unterschriften ¸bergeben. Die Spannung wuchs. Am 4. M‰rz wurden zwei Studenten, Adam Michnik und Henryk Szlajfer, von der Universit‰t verwiesen, w‰hrend sich bei einer au_erordentlichen Sitzung des Schriftstellerverbandes zum ersten Mal Stimmen tiefer Empˆrung gegen das Regime erhoben.

Gegen diese Unterdr¸ckungsma_nahmen organisieren die Studenten f¸r den 8. M‰rz eine Versammlung im Hof der Warschauer Universit‰t. Aber w‰hrend des friedlichen Protestes, bei dem sie unter anderem ihre Treue zum Sozialismus bekunden, werden sie von Provokateurtrupps angegriffen (Polizeiagenten und Arbeitermilizien, die der Inenminister Miecyslaw Moczar organisiert hat).

 

Die Zusammenstˆ_e dehnen sich auf das ganze Stadtzentrum aus und dauern mehrere Tage, w‰hrend der Protest auch auf andere Universit‰ten des Landes ¸bergreift. In dem w‰hrend der Versammlung gebilligten Dokument hatten die Studenten erkl‰rt: "Wir gestatten es nicht, da_ man uns das Recht nimmt, zur Verteidigung der demokratischen und freiheitlichen Traditionen des Landes einzuschreiten. Wir werden angesichts der Repression nicht schweigen".

Das ist der Beginn der M‰rzbewegung. "Sozialismus bedeutet nicht Kn¸ppel", "Demokratie", "Arbeiter, seid mit uns", "Es gibt kein Brot ohne Freiheit" sind die Slogans der Bewegung, die sich in den darauffolgenden Wochen entwickelt und in ganz Polen ausdehnt, mit Besetzungen von Instituten und Universit‰ten in Krakau und Lublin. Mit dem qualitativen Wachstum der Bewegung gehen die Studenten von den Losungen gegen die Repression und f¸r die Befreiung ihrer Genossen zu einer globalen Kritik des Systems ¸ber. Sie verlangen die Freiheit als wesentlichen Bestandteil des Sozialismus und erarbeiten ein Demokratisierungsprogramm f¸r die Gesellschaft, das dem gegenw‰rtigen Polizeiregime ein "wahrhaft sozialistisches" Polen gegen¸berstellen soll. Die Repression ist sehr hart, mit Provokationen und Hunderten von Verhaftungen unter den Studenten.

Gleichzeitig starten Presse, Rundfunk und Fernsehen eine Diffamierungskampagne. In den Fabriken l‰_t die POUP, die Kommunistische Partei, die die Initiative wieder ergriffen hat, Dokumente billigen, die die Unruhen verurteilen: Die Studenten werden als verwˆhnte Kinder definiert, als gescheiterte Politiker und, das ist die Neuigkeit, als "Zionisten"; bereits am Tag nach der Demonstration des 8. M‰rz hatte die reaktion‰re und katholische Zeitung Slowo Powszchne eine flammende Antisemitismus kampagne begonnen, in der sie den Organisatoren der StudentenVersammlung vorwarf, "Zionisten" zu sein, und die Versammlung einen "Aufstand" nannte.

Es kam so zu der ber¸hmten Rede, die der Vorsitzende der POUP, Wladyslaw Gomulka, am 19. M‰rz in Warschau im Kongresowa-Saal hielt (derselbe, in dem 1967 ein Konzert der Rolling Stones und heftige Zusammenstˆ_e zwischen Jugendichen und der Polizei stattgefunden hatten), in der der kommunistische Chef die Kampagne gegen die "Feinde des Sozialismus" aufgriff und die Juden in drei Kategorien einteilte: Diejenigen, die der Volksrepublik Polen treu waren und bleiben konnten; diejenigen, die Israel treu waren und gehen konnten; diejenigen, die eine doppelte Loyalit‰t hatten und sich f¸r eine davon entscheiden mu_ten.

Im M‰rz und April wurden die verschiedenen Universit‰ten normalisiert, in denen gestreikt und demonstriert wurde, sieben Professoren der Universit‰t Warschau wurden wegen "antisozialistischer Ideen" abgesetzt, und in den darauffolgenden Monaten wurden 20.000 Studenten von den polnischen Universit‰ten verwiesen. Jetzt schien das Land ruhiger. Es war nur notwendig, die "Bedrohung" zu beseitigen, die aus der benachbarten Tschechoslowakei kam, was im August geschah, auch aufgrund des st‰ndigen Dr‰ngens der polnischen F¸hrung. Die letzten Nachkl‰nge der polnischen Studentenbewegung waren denn auch Flugbl‰tter gegen die milit‰rische Invasion der Tschechoslowakei. Im Dezember beginnt die Reihe der Prozesse gegen die Anf¸hrer der Studentenrevolte. Die Strafen gehen von anderthalb bis zu dreieinhalb Jahren Gef‰ngnis. Aber es handelte sich nicht um eine Niederlage. Der "polnische" M‰rz hatte enorme Auswirkungen auf die Gesellschaft; nichts war mehr wie fr¸her. Eine ganze Generation hatte die Politik entdeckt und bewiesen, da_ es im Land Leute gab, die bereit waren, zu k‰mpfen und ins Gef‰ngnis zu gehen, um das System zu ‰ndern und die sozialistische Gesellschaft demokratischer zu gestalten, aber nicht mehr vom Inneren der offiziellen Apparate des Regimes aus, das seine Schmach enth¸llte, indem es die neostalinistische Sprache mit der der Nazis verband; und schlie_lich hatte sie entdeckt, da_ es unter den polnischen Katholiken auch Kr‰fte gab, die zum Dialog bereit waren.

 

DER PRAGER FR‹HLING

 

Das Jahr 1968 beginnt in Prag mit der Wiederaufnahme des Plenums des Zentralkomitees (ZK) der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (KPC) am 3. Januar und dem direkten Konflikt zwischen den Stalinisten (Novotny), die stark mit der UdSSR Leonid Breschnews verbunden sind, und der Reformergruppe unter der F¸hrung von Alexander Dubcek, Oldrik Cernik, Josef Smrkovsky und Zdenek Mlynar, die ab 1967 ein reformistisches "Aktionsprogramm" erarbeitet hat, das im April 1968 angenommen wird und unter anderem die schrittweise Trennung der Rolle und der Macht der Partei von den Institutions- und Regierungsorganismen vorsieht, sowie eine entschiedene Wirtschaftsreform. Die mit dem XX. Parteitag der KPdSU begonnene Entstalinisierung geht in der Tschechoslowakei nur langsam voran, auch wenn 1962 die gigantische Stalinstatue entfernt worden ist, die Prag ¸berragte. Am 5. Januar ersetzt Dubcek Novotny als Parteivorsitzender. Nach wenigen Tagen klagt die Parteizeitung Rude Pravo den Ex-Vorsitzenden Novotny, ohne ihn je zu nennen, wegen der Verletzung der verfassungsm‰_igen Rechte w‰hrend seiner Amtszeit an. Das Klima versch‰rft sich, auch deshalb, weil im selben Januar in Moskau ein Proze_ hinter geschlossenen T¸ren gegen vier Dissidenten stattfindet, die einige Monate vorher beim Flugblattverteilen verhaftet worden sind: Ginsburg, Galanskov, Dobrovlski und Vera Lazkova, und f¸r die 31 sowjetischen Intellektuellen, die keine Dissidenten waren, aber einen ˆffentlichen Proze_ gefordert hatten (dasselbe Verlangen sollte auch dem Ex-General Grogorienko eine Verhaftung kosten). In Prag beschleunigt sich derweilen die Wende, die ihren Hˆhepunkt im Fr¸hling erreichen sollte. Zum ersten Mal in einem Land Osteuropas legt das neue Pr‰sidium der KPC einen ˆffentlichen Rechenschaftsbericht ¸ber seine Arbeit vor. Der Refomer Josef Smrkovski schreibt in der Rude Pravo: "Wir m¸ssen eine neue Art von Sozialismus schaffen, ohne irgendein Modell zu haben und auf der Hˆhe der Probleme einer Industriegesellschaft".

 

 

Derweilen w‰chst die Zustimmung in der Bevˆlkerung, in erster Linie unter Studenten und einer neuen Generation von Intellektuellen und K¸nstlern, die unter anderem eine bl¸hende Erneuerung des Kinos in ganz Osteuropa hervorrufen.

 

Ende Januar begibt sich Dubcek auf Einladung des ZK der KPdSU nach Moskau, und Anfang Februar trifft er auch den ungarischen Chef Janos Kadar und den polnischen Wladislaw Gomulka. Zum Anlass der Feiern f¸r den 20. Jahrestag der Machtergreifung der Kommunistischen Partei in der Tschechoslowakei (22. Febraur 1948) h‰lt Dubcek eine Rede, die Breschnew und den anderen in Prag anwesenden kommunistischen Parteisekret‰ren Osteuropas nicht gef‰llt. In ihr umrei_t er einige Leitlinien seiner Politik, die auf Erneuerung im Inneren und Autonomie im internationalen Bereich zielt. Formell kontrolliert noch keiner der M‰nner des neuen Kurses die Regierung und die Institutionen des Landes, aber ein Vorfall ¸berst¸rzt die Situation zugunsten Dubceks: Der Fall des Generals Sejna, der, kurz bevor er formell angeklagt wird, einen Putsch zugunsten Novotnys vorzubereiten, unter Mitnahme ˆffentlicher Gelder in die USA flieht.

 

Die Lage der amtierenden Regierung wird unhaltbar. Am 21. M‰rz, nach massiven Volks- und Studentenprotesten, fordert das Pr‰sidium des Zentralkomitees Novotny dazu auf, vom Amt des Staatspr‰sidenten zur¸ckzutreten, und eine Woche sp‰ter wird der General Ludvik Svoboda zum Staatspr‰sidenten ernannt, w‰hrend die Beunruhigung der anderen L‰nder Osteuropas w‰chst. Bei der Dresdner Konferenz der kommunistischen Parteien Osteuropas wird die Entwicklung der Lage in der Tschechoslowakei scharf kritisiert. In denselben Tagen rehabilitiert das Zentralkomitee der KPC die Opfer des Prozesses von 1952 gegen den damaligen Vorsitzenden der KP, Rudolf Slansky, der zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde. Im April billigt das Zentralkomitee der KPC das Aktionsprogramm sowie einen ausgedehnten Rehabilitierungsplan f¸r die Opfer der stalinistischen S‰uberungen; am 24. demonstrieren Tausende von Studenten in Prag vor der amerikanischen Botschaft gegen den Vietnamkrieg.

 

Schlie_lich tritt die von Jozef Len‡rt geleitete Regierung zur¸ck, und zwei Tage sp‰ter wird die Regierung des neuen Kurses unter Oldrich Cernik gebildet, w‰hrend Josef Smrkovsky Pr‰sident der Nationalversammlung wird.

 

Im Mai, nach einer erneuten Moskaureise Dubceks und Smrkovskis, diesmal in Begleitung von Vasil Bilak, von dem sich dann herausstellen sollte, da_ er mit der alten Parteif¸hrung verbunden war, kommt Luigi Longo, der Vorsitzende der PCI (KPI) nach Prag, um die volle Unterst¸tzung der italienischen Kommunisten f¸r den neuen Kurs auszudr¸cken.

 

Ende Mai k¸ndigt das Verteidigungsministerium f¸r Juni Milit‰rmanˆver des Warschauer Paktes auf dem Boden der Tschechoslowakei an. Die Nachricht h‰lt jedoch die Reformwelle nicht auf. F¸r September wird der XIV. "au_erordentliche" Parteitag der KPC einberufen, das ZK best‰tigt die leitende Rolle der Kommunistischen Partei und das Verbot der Bildung anderer politischer Gruppierungen au_erhalb der Nationalen Front, einer kleinen Koalition, die konstitutionell an das Einparteienregime gebunden ist.

 

Der Juni ist ein entscheidender Monat: In den wichtigsten Fabriken, wie der CKD in Prag-Smichov und der Skoda in Pilsen, entstehen die ersten Arbeiterr‰te und die ersten Komitees f¸r die Selbstverwaltung der Fabriken. In genau derselben Zeit erscheint in der Presse das von Ludvik Vaculik verfa_te "Manifest der zweitausend Wˆrter", das dann Tausende von Vertretern der Kultur, der K¸nste und des Sports unterschreiben. Es dr‰ngt auf eine Beschleunigung des in Gang befindlichen Demokratisierungsprozesses. Das Dokument ruft harsche Kritiken von sowjetischer Seite hervor und wird von der neuen Regierung, der Volksversammlung und der Partei als "politisch unverantwortlich" definiert.

 

Aber im Juli fangen die Ereignise an, sich zu ¸berschlagen. Die Manˆver des Warschauer Paktes gehen formell am 30. Juni zu Ende, aber die sowjetischen Truppen entscheiden, in der Tschechoslowakei zu bleiben. Mitte Juli wird ein neues, plˆtzliches Treffen der Vorsitzenden der kommunistischen Parteien in Warschau abgehalten, stets ohne die rum‰nischen F¸hrer, aber diesmal auch ohne die tschechoslowakischen F¸hrer, die die Teilnahme verweigern und statt dessen bilaterale Kontakte in Prag vorschlagen, "sobald die sowjetischen Truppen abgezogen sind". Die in Warschau versammelten Parteien verurteilen die Situation als "absolut unhaltbar" und senden einen Brief nach Prag, in dem sie, zum ersten Mal, die Anwesenheit "fremder Kr‰fte" behaupten, die "versuchen, die Tschechoslowakei von der Bahn des Sozialismus abzubringen".

 

 

Bei dieser Gelegenheit entsteht die erste Formulierung der "Breschnew-Doktrin" ¸ber die beschr‰nkte Souver‰nit‰t der L‰nder Osteuropas. Der Zusammensto_ ist da: Die KPC weist die Anschuldigungen entschieden zur¸ck. Aber die Sowjetunion erkl‰rt sich ¸berraschenderweise bereit, bilaterale Gespr‰che zu beginnen, und die Gem¸ter scheinen sich zu beruhigen, so da_ sogar ein Treffen der Vorsitzenden der Kommunistischen Parteien Osteuropas in der slowakischen Stadt Cierna nad Tisou einberufen wird. Am Ende erkl‰ren sich alle "zufrieden", und in einer Konferenz in Bratislava wird ein gemeinsames Dokument verabschiedet, das bekr‰ftigt, da_ "die Verteidigung der Errungenschaften des Sozialismus eine internationale Pflicht aller sozialistischen L‰nder ist" und die Grunds‰tze der "Gleichheit, der Achtung vor der nationalen Souver‰nit‰t und Unabh‰ngigkeit und der Integrit‰t seines Hoheitsgebietes" best‰tigt. Dubcek erkl‰rt seinen Mitb¸rgern, w‰hrend er sie ¸ber die Verhandlungen von Cierna informiert, da_, keinerlei Gefahr f¸r die Souver‰nit‰t des Landes zu bef¸rchten sei.

Am 9. August besucht der Marschall Tito an der Spitze einer jugoslawischen Delegation Prag zur Unterst¸tzung des neuen Kurses, und am 15. das rum‰nische Staatsoberhaupt Nicolae Ceaucescu. Am 19. August erh‰lt Dubcek plˆtzlich einen schroffen Brief des Vorsitzenden der KPdSU, Breschnew, in dem "Unzufriedenheit" mit der Entwicklung der Lage in der Tschechoslowakei ausgedr¸ckt wird. Um 23 Uhr des 20. August dringen Truppen der Sowjetunion, Polens, Ostdeutschlands, Ungarns und Bulgariens in die Tschechoslowakei ein.

Am 26. August sind die tschechoslowakischen F¸hrer gezwungen, ein geheimes Protokoll zu unterschreiben, in dem sie, weil sie glauben, so den neuen Kurs zu retten, die milit‰rische Besetzung des Landes akzeptieren, bis die Situation sich normalisiert hat. Noch im Dezember verlangen die Metallarbeitergewerkschaften die Fortsetzung der Wirtschaftsreform und ein Gesetz, das die Selbstverwaltung anerkennt. In dieser Atmosph‰re der Niederlage und weitverbreiteter Bitterkeit werden die Normalisierung und die S‰uberungen eingeleitet.

Am 16. Januar verbrennt sich der Student Jan Palach auf dem Wenzelplatz, um gegen die milit‰rische Besetzung des Landes und die Normalisierung zu protestieren, wie die vietnamesischen Bonzen, die die amerikanische Aggression anklagten.

Am 17. April wird Dubcek als Generalsekret‰r abgesetzt und an seiner Stelle der "Normalisator" Gustav Husak ernannt. Am 29. September begr‰bt eine Entscheidung des ZK der KPC offiziell die Reformpolitik. Im November wird bei Skoda in Pilsen der letzte Fabrikrat aufgelˆst.

Der neue Prager Kurs hat nur einen Fr¸hling lang gedauert.

 

www.media68.com | february 1998