Unter den Kometen, die den Achtundsechzigerhimmel durchquerten, kam der hellste und zwiesp‰ltigste aus China. Der Name Mao Tse-tungs hallte, assoziiert mit Marx und Marcuse, oder im Slogan "Mao, Marx, Ho Chi Minh", bei den Studentendemonstrationen in allen Hauptst‰dten wider. Warum China, und welches China? Als gro_es kommunistisches Land Asiens, das 1960 mit der UdSSR gebrochen hatte, bot China einen "unverb¸rgerlichten" Kommunismus, Wahrzeichen einer l‰ndlichen und revolution‰ren dritten Welt, die sich gegen die "Papiertiger" des Imperialismus erhoben hatte.

China hatte die erste und radikalste Kritik am Modell der Industrieproduktion ge‰u_ert. Aus China drang vor allem der Widerhall der Kulturrevolution her¸ber, die einige Jahre vorher mit Parolen begonnen hatte, die ein sofortiges Echo bei den Achtundsechzigerbewegungen fanden: Eine Revolte gegen die Machtstrukturen, die auf der Kreativit‰t und der Spontaneit‰t der Massen beruhte und ihren Ausdruck in den Slogans "Schie_t auf das Hauptquartier" und "Es ist richtig, zu rebellieren" fand. Nicht ein, sondern viele Chinas spiegelten sich in Europa in einer gro_en Zahl verschiedener Gruppen wider, und mehr noch in Ideen, Symbolen und Einfl¸ssen. Der erste Maoismus in Europa geht auf die sechziger Jahre zur¸ck und ist der der "M/L" (Marxisten-Leninisten) - Gruppen, die nach dem Bruch zwischen China und der Sowjetunion entstanden waren. Dieser war durch den Streit um das "Entwicklungsmodell" ausgelˆst worden: Seit Mitte der f¸nfziger Jahre hatte Mao Tse-tung die Priorit‰ten des sowjetischen Modells kritisiert, das auf der Entwicklung der Schwerindustrie beruhte. Als Chruschtschow 1956 die Entstalinisierung einleitet, z‰hlt Mao die Fehler der Sowjetunion auf, die nicht wiederholt werden sollten: ¸berm‰_ige Zentralisierung, Repression, einseitige Industrialisierung auf Kosten der Entwicklung der Landwirtschaft. Die chinesische Kritik spiegelte die Anstrengung wider, den Sozialismus in einem gro_en und b‰uerlichen Land aufzubauen, und es ist gerade die Notwendigkeit, ein anderes Modell auszuprobieren, die Mao dazu anregt, 1958 den Gro_en Sprung nach vorne zu lancieren: Eine gigantische Anstrengung, um die Bauernmassen zu mobilisieren, die l‰ndlichen Zonen zu modernisieren und eine kleine, dezentralisierte Industrie aufzubauen. 

 

 

Beim Versuch, den Kommunismus aufzubauen, entstehen die Volkskommunen, Produktionseinheiten, die auch politisch-administrative Zwecke erf¸llen. Peking stellt am Ende eine umgekehrte Priorit‰tenliste auf: Der sowjetischen "Konstruktion der materiellen Grundlagen des Sozialismus" im Sinne der Schwerindustrie und der Zentralplanung wird eine gro_e Investition in die landwirtschaftliche und dezentralisierte Entwicklung gegen¸bergestellt. Der Zentralit‰t der Techniker wird das "Kommando durch die Politik" gegen¸bergestellt.

Aber der erste europ‰ische Maoismus spiegelt vor allem die ideologische Konfrontation zwischen den beiden gro_en kommunistischen Parteien wider. Der chinesische Angriff auf den "modernen Revisionismus" Chruschtschows 1960 war das Signal. Die UdSSR reagierte, indem sie ihre Techniker zur¸ckrief: Der Bruch war vollzogen. In Westeuropa verteidigen die kommunistischen Parteien die Moskauer Orthodoxie gegen die chinesische "Abweichung". Die damals, meistens aus Abspaltungen der KPs entstandenen M/L-Fraktionen sehen in China ein Bollwerk gegen Chruschtschow und gegen den Revisionismus.

Das Jahr 1968 ¸berrollt wie eine Flutwelle die M/L-Parteien, die damit besch‰ftigt sind, sich in Fraktionen zu spalten, die den politischen Machtkampf in Peking nachspielen. Mehr als die Gruppen, sind es Ideen und Eindr¸cke des Maoismus, die Spuren zur¸cklassen.

Es gab das Echo der radikal die etablierte Macht kritisierenden Hundert-Blumen-Bewegung. Aber die explosivste Neuigkeit stellt die Kulturrevolution dar, oder besser gesagt die Art und Weise, wie sie in Europa aufgefa_t wird: eine "Basis"-Bewegung radikaler Kritik an der kapitalistischen Produktionsweise und am Staat, an den Machtstrukturen und an der "Klassen"-Kultur. Diese Ideen spiegeln sich wider in Slogans wie "In Italien wie in China, die Studenten in die Fabrik" oder dem franzˆsischen "Osons lutter, osons vaincre" (Wagen wir es zu k‰mpfen, wagen wir es zu gewinnen).

 

 

Ironischerweise entsprach das Chinabild, das damals Europa erreichte, nur wenig den tats‰chlichen Ereignissen. In Europa, in Japan und in Mexiko ist 1968 das Jahr der Studentenrevolte gewesen.

In China bedeutete es ihren Abgang von der B¸hne.

Die Kulturrevolution hatte nunmehr ihre Bahn durchlaufen: Von den Anf‰ngen 1966 mit der Tatsebao-Bewegung an den Universit‰ten und des 16-Punkte-Beschlusses des Zentralkomitees, der die Revolution guthie_, bis zu den Experimenten der Arbeiterselbstverwaltung und der Schanghaier Kommune und den gewaltsamen Zusammenstˆ_en zwischen verschiedenen Fraktionen der Roten Garden. Was von all dem in Italien ankommt, sind Echos, viele Slogans, einige Dokumente, die von kritischen Zeitungen wie Vento dell'est (Ostwind) oder in der "Gauche proletarienne" Frankreichs nahestehenden intellektuellen Zirkeln verbreitet werden. Einige Ereignisse werden symbolisch, wie z. B. der erste von einer Gruppe junger Lehrer an der Pekinger Hochschule aufgeh‰ngte Tatsebao, der die akademischen Autorit‰ten und die reaktion‰re Natur des Unterrichts anklagte und so sehr von Mao gesch‰tzt wurde, da_ er den Text durch das Radio im ganzen Land verbreiten lie_. Oder der von Mao selbst geschriebene und an der T¸r des Zentralkomitees aufgeh‰ngte Tatsebao mit dem Titel "Schie_t auf das Hauptquartier!" - eine offene Aufforderung zur Revolte gegen jedes Hierarchieprinzip. Die "revolution‰ren Studenten" kritisieren den Auslesemechanismus und die auf Auswendiglernen beruhenden Unterrichtsmethoden; sie lehnen die angebliche Neutralit‰t des Wissens ab und kehren sie um; sie verurteilen die Trennung zwischen Schule und Arbeit. Sie wollen "drei Unterschiede" abschaffen; die zwischen Stadt und Land, zwischen Hand- und Kopfarbeit und zwischen Regierenden und Regierten. Die Bewegung greift von den Universit‰ten auf die Fabriken und Landkommunen ¸ber, wohin viele junge M‰nner der Roten Garden zum arbeiten gegangen sind, um sich "in die Arbeiterklasse einzugliedern". Die Arbeiter werden dazu aufgefordert, die "proletarische Macht" in Gestalt von Massenorganismen der Kulturrevolution zu errichten. Im Winter 1966-67 gipfelt die "Arbeitergegenmacht" in der Schanghaier Kommune, die sich an der von Marx beschriebenen Pariser Kommune inspirierte, welche "die Diktatur des Proletariats vorwegnahm".

 

 

Die Kritik gegen die Wiederkehr der alten Privilegien, den "Revisionismus" und die "neue Bourgeoisie" im Inneren der Partei erreichte es, die Rangordnung in den Produktionsprozessen (zum Beispiel zwischen Arbeitern und Technikern) und in der Gesellschaft in Frage zu stellen. Schlie_lich griff sie das Autorit‰tsprinzip des Staates selbst an. Ein kritischer Punkt ist erreicht: Das Heer wird ausgesandt, um mit den nunmehr bewaffneten Fraktionen der Roten Garden zu verhandeln; der Mao gezollte Personenkult kennt keine Grenzen, sein Kleines Rotes Buch wird wie eine Bibel geschwenkt, die "Volksprozesse" und die Gewaltt‰tigkeiten greifen um sich.

Das ist der hei_e Sommer 1967. In diesem Moment schreiten die Zentralgruppe der Kulturrevolution und die Parteispitze zur "Konsolidierung" der Revolution, das hei_t zum Versuch, die Kontrolle wieder an sich zu rei_en, die Schulen wieder zu ˆffnen und die Produktion neu zu organisieren.

In China ist 1968 also das Jahr der Normalisierung nach der Kulturrevolution gewesen. Die letzten gewaltsamen Zusammenstˆ_e zwischen den Fraktionen finden erneut an den Universit‰ten statt, in Kanton und in Peking.

Ende August warnt Mao die "kleinen Gener‰le" der Roten Garden. Am Morgen darauf besetzen Arbeitertrupps die Universit‰ten, und die Studenten werden aufs Land geschickt, um "an der Basis zu arbeiten".

Im September verk¸ndet die "Volkszeitung", da_ der Kampf f¸r die Einrichtung der Revolutionskomitees auf Provinzebene siegreich beendet wurde. Eine gro_e Versammlung in Peking feiert das Ereignis - die formelle Beendigung der Kulturrevolution. Es beginnt hingegen ein massiver Auszug von Parteifunktion‰ren und ehemaligen Roten Garden, die zur "Umerziehung" in die Landkommunen geschickt werden. Im Lauf eines Jahres werden Chefs der Kulturrevolution und Mao-Getreue wie Chen Pota und der Marschall Lin Piao, der das Studium der Gedanken Maos ins Heer eingef¸hrt und daraus einen Pol des politischen Kampfes gemacht hatte, an die Seite gedr‰ngt.

Die Nachrichten ¸ber die wirklichen Ereignisse jener Jahre gelangen nur teilweise nach Europa. Noch heute ist es schwierig, die ideologischen Differenzen und die Machtk‰mpfe zu analysieren, die hinter diesem gro_en Aufruhr standen und die damals eilfertig mit dem Kampf zwischen der linken "Massenlinie" und der "rechten" b¸rgerlich-revisionistischen Linie erkl‰rt wurden. Die enormen Gewaltakte, von denen die chinesische "ununterbrochene Revolution" gepr‰gt war, wurden verschwiegen. W‰hrend die "Massenlinie" verherrlicht wurde, ist paradoxerweise die chinesische Gesellschaft in den damaligen Schriften und Dokumenten vˆllig abwesend.

Und doch ist dieses teils mythische und teils verkannte China, das Land der gro_en gleichmacherischen, auf der Spontaneit‰t der Massen beruhenden Revolution, das Bollwerk der dritten Welt gegen den imperialistischen "Papiertiger", in der Achtundsechzigerbewegung stets gegenw‰rtig gewesen.

 

www.media68.com | february 1998