Unter
den Kometen, die den Achtundsechzigerhimmel durchquerten, kam der hellste und
zwiesp‰ltigste aus China
hatte die erste und radikalste Kritik am Modell der Industrieproduktion ge‰u_ert.
Aus China drang vor allem der Widerhall der Beim
Versuch, den Kommunismus aufzubauen, entstehen die Volkskommunen,
Produktionseinheiten, die auch politisch-administrative Zwecke erf¸llen. Peking
stellt am Ende eine umgekehrte Priorit‰tenliste auf: Der sowjetischen "Konstruktion
der materiellen Grundlagen des Sozialismus" im Sinne der Schwerindustrie
und der Zentralplanung wird eine gro_e Investition in die landwirtschaftliche
und dezentralisierte Entwicklung gegen¸bergestellt. Der Zentralit‰t der
Techniker wird das "Kommando durch die Politik" gegen¸bergestellt. Aber
der erste europ‰ische Maoismus spiegelt vor allem die ideologische
Konfrontation zwischen den beiden gro_en kommunistischen Parteien wider. Der
chinesische Angriff auf den "modernen Revisionismus" Chruschtschows
1960 war das Signal. Die UdSSR reagierte, indem sie ihre Techniker zur¸ckrief:
Der Bruch war vollzogen. In Westeuropa verteidigen die kommunistischen Parteien
die Moskauer Orthodoxie gegen die chinesische "Abweichung". Die damals,
meistens aus Abspaltungen der KPs entstandenen M/L-Fraktionen sehen in China ein
Bollwerk gegen Chruschtschow und gegen den Revisionismus. Das
Jahr 1968 ¸berrollt wie eine Flutwelle die M/L-Parteien, die damit besch‰ftigt
sind, sich in Fraktionen zu spalten, die den politischen Machtkampf in Peking
nachspielen. Mehr als die Gruppen, sind es Ideen und Eindr¸cke des Maoismus,
die Spuren zur¸cklassen. Es
gab das Echo der radikal die etablierte Macht kritisierenden Hundert-Blumen-Bewegung.
Aber die explosivste Neuigkeit stellt die Kulturrevolution dar, oder besser
gesagt die Art und Weise, wie sie in Europa aufgefa_t wird: eine "Basis"-Bewegung
radikaler Kritik an der kapitalistischen Produktionsweise und am Staat, an den
Machtstrukturen und an der "Klassen"-Kultur. Diese Ideen spiegeln sich
wider in Slogans wie "In Italien wie in China, die Studenten in die Fabrik"
oder dem franzˆsischen "Osons lutter, osons vaincre" (Wagen wir es zu
k‰mpfen, wagen wir es zu gewinnen). Ironischerweise
entsprach das Chinabild, das damals Europa erreichte, nur wenig den tats‰chlichen
Ereignissen. In Europa, in Japan und in Mexiko ist 1968 das Jahr der
Studentenrevolte gewesen. In
China bedeutete es ihren Abgang von der B¸hne. Die
Kulturrevolution hatte nunmehr ihre Bahn durchlaufen: Von den Anf‰ngen
1966 mit der Tatsebao-Bewegung
an den Universit‰ten und des 16-Punkte-Beschlusses des Zentralkomitees, der
die Revolution guthie_, bis zu den Experimenten der Arbeiterselbstverwaltung und
der Schanghaier Kommune und den gewaltsamen
Zusammenstˆ_en zwischen verschiedenen Fraktionen der Roten Garden.
Was von all dem in Italien ankommt, sind Echos, viele Slogans, einige Dokumente,
die von kritischen Zeitungen wie Vento dell'est
(Ostwind) oder in der "Gauche proletarienne" Frankreichs nahestehenden
intellektuellen Zirkeln verbreitet werden. Einige Ereignisse werden symbolisch,
wie z. B. der erste von einer Gruppe junger Lehrer an der Pekinger Hochschule
aufgeh‰ngte Tatsebao, der die akademischen Autorit‰ten und die reaktion‰re
Natur des Unterrichts anklagte und so sehr von Mao gesch‰tzt wurde, da_ er den
Text durch das Radio im ganzen Land verbreiten lie_. Oder der von Mao selbst
geschriebene und an der T¸r des Zentralkomitees aufgeh‰ngte Tatsebao mit dem
Titel "Schie_t auf das Hauptquartier!" - eine offene Aufforderung zur
Revolte gegen jedes Hierarchieprinzip. Die "revolution‰ren Studenten"
kritisieren den Auslesemechanismus und die auf Auswendiglernen beruhenden
Unterrichtsmethoden; sie lehnen die angebliche Neutralit‰t des Wissens ab und
kehren sie um; sie verurteilen die Trennung zwischen Schule und Arbeit. Sie
wollen "drei Unterschiede" abschaffen; die zwischen Stadt und Land,
zwischen Hand- und Kopfarbeit und zwischen Regierenden und Regierten. Die
Bewegung greift von den Universit‰ten auf die Fabriken und Landkommunen ¸ber,
wohin viele junge M‰nner der Roten Garden zum arbeiten gegangen sind, um sich
"in die Arbeiterklasse einzugliedern". Die Arbeiter werden dazu
aufgefordert, die "proletarische Macht" in Gestalt von
Massenorganismen der Kulturrevolution zu errichten. Im Winter 1966-67 gipfelt
die "Arbeitergegenmacht" in der Schanghaier Kommune,
die sich an der von Marx beschriebenen Pariser Kommune inspirierte, welche
"die Diktatur des Proletariats vorwegnahm". Die
Kritik gegen die Wiederkehr der alten Privilegien, den "Revisionismus"
und die "neue Bourgeoisie" im Inneren der Partei erreichte es, die
Rangordnung in den Produktionsprozessen (zum Beispiel zwischen Arbeitern und
Technikern) und in der Gesellschaft in Frage zu stellen. Schlie_lich griff sie
das Autorit‰tsprinzip des Staates selbst an. Ein kritischer Punkt ist erreicht:
Das Heer wird ausgesandt, um mit den nunmehr bewaffneten Fraktionen der Roten
Garden zu verhandeln; der Mao gezollte Personenkult kennt keine Grenzen, sein Kleines
Rotes Buch wird
wie eine Bibel geschwenkt, die "Volksprozesse" und die Gewaltt‰tigkeiten
greifen um sich. Das
ist der hei_e Sommer 1967. In diesem Moment schreiten die Zentralgruppe der
Kulturrevolution und die Parteispitze zur "Konsolidierung" der
Revolution, das hei_t zum Versuch, die Kontrolle wieder an sich zu rei_en, die
Schulen wieder zu ˆffnen und die Produktion neu zu organisieren. In
China ist 1968 also das Jahr der Normalisierung
nach der Kulturrevolution gewesen.
Die letzten gewaltsamen Zusammenstˆ_e zwischen den Fraktionen finden erneut an
den Universit‰ten statt, in Kanton und in Peking. Ende
August warnt Mao die "kleinen Gener‰le" der Roten Garden. Am Morgen
darauf besetzen Arbeitertrupps die Universit‰ten, und die Studenten werden
aufs Land geschickt, um "an der Basis zu arbeiten". Im
September verk¸ndet die "Volkszeitung", da_ der Kampf f¸r die
Einrichtung der Revolutionskomitees auf Provinzebene siegreich beendet wurde.
Eine gro_e Versammlung in Peking feiert das Ereignis - die formelle Beendigung
der Kulturrevolution. Es beginnt hingegen ein massiver Auszug von Parteifunktion‰ren
und ehemaligen Roten Garden, die zur "Umerziehung" in die Landkommunen
geschickt werden. Im Lauf eines Jahres werden Chefs der Kulturrevolution und
Mao-Getreue wie Chen Pota und
der Marschall Lin Piao,
der das Studium der Gedanken Maos ins Heer eingef¸hrt und daraus einen Pol des
politischen Kampfes gemacht hatte, an die Seite gedr‰ngt. Die
Nachrichten ¸ber die wirklichen Ereignisse jener Jahre gelangen nur teilweise
nach Europa. Noch heute ist es schwierig, die ideologischen Differenzen und die
Machtk‰mpfe zu analysieren, die hinter diesem gro_en Aufruhr standen und die
damals eilfertig mit dem Kampf zwischen der linken "Massenlinie" und
der "rechten" b¸rgerlich-revisionistischen Linie erkl‰rt wurden.
Die enormen Gewaltakte, von denen die chinesische "ununterbrochene
Revolution" gepr‰gt war, wurden verschwiegen. W‰hrend die "Massenlinie"
verherrlicht wurde, ist paradoxerweise die chinesische Gesellschaft in den
damaligen Schriften und Dokumenten vˆllig abwesend. Und
doch ist dieses teils mythische und teils verkannte China, das Land der gro_en
gleichmacherischen, auf der Spontaneit‰t der Massen beruhenden Revolution, das
Bollwerk der dritten Welt gegen den imperialistischen "Papiertiger",
in der Achtundsechzigerbewegung stets gegenw‰rtig gewesen.
www.media68.com | february 1998
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